In der Straße von Hormus brennt das Öl, und die Welt schaut hin, weil Öl die Welt interessiert. Menschen weniger. Das ist keine Anklage, das ist eine Feststellung über den Zustand unserer Aufmerksamkeit, die sich nach Börsenpreisen richtet und nach Atomprogrammen und nach der Frage, ob der nächste Urlaub noch bezahlbar ist.
Irgendwo in diesem Gedankengang, ganz hinten, nach den Flugpreisen, kommen sie vor: die Frauen im Iran. Ich möchte sie nach vorne holen. Für einen Moment. Bevor wir wieder zu den Ölpreisen zurückkehren.
Denn während die Welt gerade auf den Iran schaut, schauen diese Frauen schon seit fünfundvierzig Jahren in dieselbe Richtung: auf ein Regime, das ihnen täglich erklärt, was sie nicht sind, was sie nicht dürfen, was sie nicht wert sind. Der Krieg trifft sie doppelt. Er trifft Frauen in einem Land, das ihnen ohnehin bereits alles abverlangt: die eigene Würde, die eigene Stimme, die eigene Entscheidung darüber, wie der eigene Kopf auszusehen hat. Die Bomben kommen obendrauf.
Seit 1979, seit dem Tag, an dem Khomeini den Schleierzwang ausrief, ausgerechnet am 8. März, dem internationalen Frauentag, ob aus Absicht oder Gleichgültigkeit, leben Frauen im Iran nach Regeln, die Männer für sie entworfen haben. Ihr Zeugnis vor Gericht zählt halb so viel wie das eines Mannes. Sie dürfen nicht alleine reisen, nicht Richterin sein, nicht ins Stadion. Das Mindestalter für die Ehe wurde 1979 auf neun Jahre gesenkt. Neun. Wer eine sogenannte sündige Handlung begeht – eine romantische Beziehung vor der Ehe reicht dafür aus – riskiert bis zu 74 Peitschenhiebe. Das sind keine mittelalterlichen Anekdoten. Das ist geltendes Recht im Iran. Heute.
Und die Frauen? Tausende gingen sofort auf die Straße, als das alles anfing, mit geballten Fäusten, und riefen. Es half nichts. Es hilft meistens nichts, wenn Frauen rufen. Das ist Erfahrungswissen, gesammelt über Jahrhunderte, auf allen Kontinenten. Also haben sie aufgehört zu rufen und angefangen zu denken. Leise. Auf eine Art, die man schwerer verbieten kann.
Sie haben studiert. Das klingt unspektakulär. Es ist aber das Radikalste, was man in einem System tun kann, dass das Hinterfragen gleichzeitig verbietet. Sunnas und Koran dürfen nicht in Frage gestellt werden, die Scharia nicht diskutiert, auch nicht die drei vagen Koranverse, auf denen die gesamte Kopftuchpflicht gebaut ist.
Iranische Frauen studieren alles Mögliche: Gravitationsgesetze. Zellstrukturen. Differentialgleichungen. Die Geometrie des Raums. Das Ergebnis ist statistisch bemerkenswert und politisch eine Niederlage für alle, die geglaubt haben, Unterdrückung ließe sich dauerhaft organisieren.
Vor der Revolution von 1979 studierten 23 Prozent Frauen an iranischen Hochschulen. Heute sind es über 60 Prozent. Das ist die weltweite Spitze, laut UNESCO. Das iranische Regime hat als einziges Land auf der Welt Männerquoten eingeführt, Studienfächer gesperrt, Immatrikulationen verweigert. Es hat nicht funktioniert. Manche Dinge funktionieren nicht, auch wenn man sehr viel Macht hat. Intellekt lässt sich nicht per Gesetz abschaffen. Man kann ihn bestrafen. Man kann versuchen ihn einsperren. Man kann ihn nicht wegdefinieren.
Als Konsequenz dieser fünfundvierzig Jahre stillen, hartnäckigen, gefährlichen Aufstands durch Bildung hat der Iran der Welt etwas gegeben, womit das Regime nicht gerechnet hatte: Überdurchschnittlich gut gebildete Frauen und die erste Frau überhaupt, die 2014 die Fields-Medaille gewann. Das ist die höchste Auszeichnung in der Mathematik. Maryam Mirzakhani, geboren in Teheran 1977, gestorben 2017 mit vierzig Jahren an Brustkrebs, zu früh für alles, was noch hätte kommen können.
Sie wurde ausgezeichnet für ihre Arbeit an Riemannschen Flächen, gekrümmten Oberflächen, auf denen andere Regeln gelten als auf der Ebene; auf der die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten keine Gerade ist, sondern eine Kurve. Maryam Mirzakhan brachte dabei Gebiete zusammen, die niemand zuvor verbunden hatte: algebraische Geometrie, Topologie, Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ihre Kollegen beschrieben ihre Arbeit als von einer Originalität, die man in einer Generation einmal sieht, wenn man Glück hat.
Drei wackelige Koranverse gegen drei Königsdisziplinen der Mathematik.
Die iranischen Frauen leben auf Riemannschen Flächen. Das Gesetz hat ihnen die Gerade verboten, den direkten Weg, die offene Auseinandersetzung, den lauten Widerspruch. Also haben sie Kurven genommen. Eheverträge von ihren Männern verlangt, die das Gesetz unterlaufen. Kopftücher, die aus Trotz millimeterweise nach hinten wandern, Jahr für Jahr. Berufe, die man ihnen nicht verboten hatte, weil man nicht damit gerechnet hatte, dass sie sie ergreifen würden. Studienabschlüsse in Fächern, die das Regime für ungefährlich hielt, bis es merkte, dass kein Fach ungefährlich ist, wenn der Kopf dahinter frei denkt.
Auf einer gekrümmten Fläche führt die Kurve manchmal weiter als jede Gerade. Das ist auch das Leben der Iranerinnen, seit fünfundvierzig Jahren, täglich, ohne Pfad, ohne garantiertes Ziel, gegen ein Regime, das Raketen hat und Gesetze und drei vage Koranverse und, das trotzdem verliert, langsam, millimeterweise, in jedem Hörsaal, in dem eine Frau sitzt und und Ihren Verstand nutzt.
Kein Kopftuch dieser Welt ist groß genug, solche großartigen Geister zu verdecken.
Aus Ermangelung an Kopftüchern ziehe ich meinen Hut vor diesen Frauen.

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