Iran

  • Warum falsche Toleranz unsere Freiheit in Europa gefährdet

    Warum falsche Toleranz unsere Freiheit in Europa gefährdet

    Nach meinem letzten Text haben mir viele Menschen geschrieben: “Danke, dass du das sagst. Ich hätte mich das nicht getraut.”

    Ich halte kurz fest. Deutschland, eine Demokratie. Artikel 5 Grundgesetz. Meinungsfreiheit, amtlich verbrieft und seit 1949 in Kraft. Menschen bedanken sich dafür, dass jemand seine Meinung sagt. Nicht in Weißrussland. Nicht in Nordkorea. In Deutschland. Das macht mich fassungslos.

    Ich bin Generation X. Wir wissen noch, dass Freiheit nicht selbstverständlich ist. Die DDR war für uns kein Schulbuchthema, sondern das Land direkt nebenan, das seine Bürger einsperrte. In dem die Stasi Akten über Nachbarn anlegte und sich Familienmitglieder gegenseitig bespitzelten. In dem Schweigen die Überlebensstrategie war. Das war der Alltag von Millionen.

    Eine Demokratie ist nicht deshalb eine Demokratie, weil alle dieselbe Meinung haben. Sie ist es, weil sie verschiedene Meinungen aushält. Auch unbequeme, auch falsche, auch solche, die einem den Atem verschlagen. Die Demokratie beweist ihre Stärke nicht darin, Konsens zu erzwingen, sondern darin, Widerspruch zu ertragen. Eine Demokratie, die nur angenehme oder eigene Meinungen zulässt, ist keine. Gefährlich wird es, wenn man seine Meinung nicht mehr aussprechen darf. Die verschwindet nämlich nicht. Sie geht in den Untergrund. Und was im Untergrund wächst, wächst wild ohne Korrekturmöglichkeiten.

    Ich habe meine Meinung dazu was passiert, wenn eine geschlossene Gesellschaft in eine offene einwandert.

    Ich sehe viele Frauen auf den Straßen, verhüllt mit Kopftüchern. Eingewickelt in ein Symbol, das seit Jahrhunderten dasselbe bedeutet: Der Körper der Frau ist eine Bedrohung. Ihre Sichtbarkeit eine Sünde. Das Kopftuch ist kein Modestück. Es ist eine Haltung, die in Stoff übersetzt wird. Wer das anders sehen will, erkläre mir bitte, warum dasselbe Symbol im Iran zur Staatsgewalt gehört und dort niemand von freier Entscheidung spricht. Und warum Frauen im Iran genau gegen dieses Symbol unter Einsatz ihres Lebens seit Jahrzehnten kämpfen. Die Vollverschleierung ist dann die letzte Konsequenz. Die Frau als Individuum verschwindet aus der Öffentlichkeit.

    Auf sozialen Medien erklären junge muslimische Männer unverblümt, der Westen sei verloren, die Demokratie sei schwach und verachtenswert, und der Islam ist die Lösung. Diese Verachtung ist kein Frust. Sie ist Programm. Und sie hat Strukturen, die dokumentiert sind.

    Der Verfassungsschutz warnt seit Jahren davor, wie islamistische Netzwerke demokratische Strukturen unterwandern. Vereine, Schulen, Verbände. Die Berichte existieren, die Beweise liegen vor, schwarz auf weiß.

    Das BKA veröffentlicht jährlich Kriminalstatistiken. Darin stehen Zahlen. Nationalitäten. Überrepräsentationen, präzise erfasst und öffentlich zugänglich. Das sind keine Behauptungen. Das sind Datensätze, methodisch erhoben von einer Behörde, deren Aufgabe nicht Stimmungsmache ist, sondern Dokumentation.

    In der Wissenschaft gibt es eine Regel, die so simpel ist, dass man sie eigentlich nicht erklären möchte: Erkenntnisse basieren auf Daten. Nicht auf Wünschen. Nicht auf dem, was sich gut anfühlt. Wer eine These aufstellt, belegt sie. Wer Daten vorlegt, widerlegt sie mit besseren Daten oder akzeptiert die alten. Diese Regel gilt in der Medizin. In der Physik. Oder in der Klimaforschung, wo man sie sehr lautstark einfordert. In der Migrationsdebatte gilt sie offenbar nicht.

    Man muss diese Zahlen nicht mögen und kann über ihre Bedeutung streiten. Aber man darf sie nicht ignorieren, nur weil sie unangenehm sind. Oder diejenigen als Rassisten zu bezeichnen, die über diese Zahlen sprechen wollen. Zahlen sind keine Behauptungen. Das ist ihr großer Nachteil für alle, die ihre Gefühle über Wahrheiten stellen. Das Unbehagen über ein Ergebnis gilt mehr als das Ergebnis selbst. Wer sich durch eine Zahl verletzt fühlt, hat damit die Zahl nicht widerlegt. Er hat nur beschrieben, wie er sich fühlt. Das sind zwei verschiedene Dinge. In einer Gesellschaft, die aufgehört hat, den Unterschied zu erkennen, regieren nicht die Klügsten. Auch nicht die Genauesten. Es regieren die Empfindlichsten.

    In der Wissenschaft nennt man das, wenn man Daten verwirft, weil sie nicht das Ergebnis liefern, das man haben möchte, eine Fälschung. Im politischen Diskurs nennt man es Haltung.

    Eine Gesellschaft, die aufhört, ihre eigenen Daten ernst zu nehmen, verliert ihre Urteilsfähigkeit. Unbequeme Zahlen werden relativiert. Oder totgeschwiegen. Oder aus dem Zusammenhang gerissen. Irgendwann ist die Fähigkeit, zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu unterscheiden, so weit abgeschliffen, dass beides dasselbe zu sein scheint.

    Der Verfassungsschutz hat entschieden, seine Erkenntnisse zu veröffentlichen. Das BKA hat entschieden, Zahlen zu erheben und zugänglich zu machen. Beide haben ihre Arbeit getan.

    Was die Politik daraus macht, oder eben nicht macht, ist eine andere Entscheidung. Mit anderen Konsequenzen.

    Kein Mensch darf im Namen Gottes über andere urteilen. Die Frau ist ein Individuum, und das Individuum steht vor dem Kollektiv. Europa hat Jahrhunderte gebraucht, um diese Erkenntnisse zu verinnerlichen. Das war kein Spaziergang. Das waren Kriege, Inquisitionen, Revolutionen, Weltbrände. Bezahlt zu einem Preis, der heute kaum vorstellbar ist.

    Wir können gut in unserer Gesellschaft beobachten, wie weit der Reflex der falschen Toleranz in Deutschland reicht. Es besteht die Bereitschaft, ein rückständiges Frauenbild zu dulden, zu relativieren, zu erklären, es sogar zu akzeptieren. Solange es nur kulturell genug verpackt ist. Als wäre Unterdrückung weniger Unterdrückung, wenn diese ein religiöses Kostüm trägt.

    Die Aufklärung war kein Geschenk. Sie wurde erkämpft gegen Kirchen, Könige, Traditionen, die sich für unumstößlich hielten. Herausgekommen ist die Überzeugung, dass jeder Mensch, jede Frau, jedes Kind ein Recht auf sein eigenes Leben hat. Auf seine eigene Stimme. Auf sein eigenes Gesicht im öffentlichen Raum. Das sind unsere westlichen Werte. Nicht weil wir sie erfunden haben. Sondern weil wir für sie gekämpft haben.

    Wer diese Werte heute klein macht, aus Angst, als intolerant zu gelten, begeht einen Verrat. Nicht an einem abstrakten Abendland, sondern an den konkreten Frauen, die von diesen Werten profitieren. An den Mädchen, die zur Schule gehen dürfen. An den Töchtern, die ihr Leben frei wählen dürfen. An allen, die in Ländern leben, in denen das keine Selbstverständlichkeit ist, und die darum hierher gekommen sind.

    Meine Eltern sind in den Sechzigern aus Jugoslawien nach Deutschland gekommen mit der Aussicht auf ein besseres, freieres Leben. Damit haben sie mir etwas in die Wiege gelegt, das kein Erbe der Welt aufwiegt: die Freiheit selbst zu entscheiden. Und das tiefe Bewusstsein, dass Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist.

    Man ist kein schlechter Mensch, wenn man ein rückständiges Frauenbild ablehnt. Man ist kein Rassist, wenn man verlangt, dass die Würde der Frau nicht verhandelbar ist, weder für Einheimische noch für Zugezogene. Man muss sich nicht schämen für seine Identität, die auf Freiheit, Vernunft und Gleichberechtigung beruht.

    Im Gegenteil.

    Wer sich dafür schämt, hat nicht verstanden, wie wertvoll und fragil unsere Freiheit ist.

  • #ichdarfdassagen

    #ichdarfdassagen

    Ich bin das Kind von Einwanderern. Das stelle ich an den Anfang, weil ich weiß, wie solche Texte gelesen werden; und weil der Anfang bestimmt, ob Sie weiterlesen oder aufhören. Ich will, dass Sie weiterlesen.

    Mein Vater, Serbe. Meine Mutter, deutsche Spätaussiedlerin aus dem ehemaligen Jugoslawien. Ich bin in Hessen geboren, mit einem Nachnamen, der auf -ić endet. Menschen hören den Namen und denken: Ah. Manche denken: Aha.

    Auf unserem Gymnasium in den frühen 80ern gab es, neben einem fragwürdigen Modegeschmack, auch Hasan, den Sohn des Änderungsschneiders. Und mich. Das war es. Zwei Ausländerkinder. Die Quote war erfüllt.

    Mit fünf Jahren entdeckte ich, dass ich in zwei Sprachen denken kann. Auf Deutsch. Auf Serbisch. Das klingt nach Begabung. Es war keine Begabung. Es war, was entsteht, wenn das Zuhause innen zweisprachig ist und außen einsprachig. Als Linkshänderin gehörte ich noch einer weiteren Minderheit an. Man gewöhnt sich daran, anders zu sein. Und irgendwann ist anders das Normalste, was man hat.

    Die Einwanderer meiner Elterngeneration brachten Dinge mit. Pizza, Ćevapčići, Döner. Und Knoblauchgeruch. Viel Knoblauchgeruch. Deutschland hat gerochen und gekaut und dann – ein Wunder – es geschluckt und für gut befunden.

    Meine Eltern haben Steuern gezahlt. Gearbeitet. Eigentum erworben. Mir das Studium ermöglicht. Mich aufgezogen, frei von rückständigen gesellschaftlichen Ansichten und Zwängen, die in abgelegenen serbischen Dörfern heute noch existieren.

    Sie haben sich integriert. Ich mag dieses Wort nicht. Integriert. Als käme man kaputt an und ließe sich reparieren. Sagen wir es so: Sie sind gekommen. Und geblieben. Und beides hatte seine Würde.

    Vor gut zwei Jahrzehnten habe ich Deutschland verlassen und bin ausgewandert. Die Geschichte wiederholt sich, nur umgekehrt. Die Ironie entgeht mir nicht. Meine Eltern kamen an; ich bin gegangen. Was für sie ein Anfang war, ist für mich ein Schluss. Was sie als Möglichkeit sahen, sehe ich im Rückspiegel.

    Von außen betrachte ich ein Land, das ich kenne, aber nicht mehr erkenne. Mein hessischer Geburtsort. Das Straßenbild. Viele Fremde Gesichter, die nicht die Gesichter sind, die ich kannte. Frauen mit Kopftüchern, mit Hijabs. Das allein wäre kein Problem. Das allein wäre Demografie, wäre Zeitgeist, wäre die Welt, wie sie nun einmal läuft.

    Meine Eltern, die Integrierten, die Steuerzahlenden, die Eigenheimbesitzenden, die Knoblauchgeruchsmitbringer der ersten Stunde, fühlen sich nicht mehr wohl in Deutschland. Es sei so befremdend geworden. Zuviele Migranten. Das könne nicht mehr lange gut gehen, meint mein Vater, der alte Serbe.

    Ich weiß nicht, wie ich das nennen soll. Tragödie klingt zu groß. Ironie klingt zu klein. Es ist etwas dazwischen, für das es noch kein Wort gibt, weil es noch nicht lange genug passiert, damit jemand eines erfindet.

    Neulich sagte Ministerin Bas, es gäbe keine Unterwanderung der Sozialsysteme durch Migration. Arbeitsagenturen berichten aber das Gegenteil. Die, die täglich an der Basis sitzen. Die, die Formulare kennen, die Gesichter, die Fälle, die Zahlen. Nicht als Meinung, sondern als nüchternen Berufsalltag.

    Die verfehlte Politik zeigt sich nicht nur in Statistiken. Sie zeigt sich auch auf Schulhöfen. Ein Kind packt sein Pausenbrot aus. Das Pausenbrot essende Kind soll sich umdrehen wenn es in seine Stulle beisst. Es soll nicht die Gefühle der fastenden Kinder während des Ramadans verletzen. Es soll seine Mahlzeit verbergen. Es soll sich schämen, weil es Hunger hat und das Schinkenbrot isst, das ihm seine Eltern eingepackt haben.

    Ich lasse das einen Moment stehen.

    Ein Kind wird in der Schule unter Druck gesetzt, damit die religiösen Gefühle anderer Kinder nicht verletzt werden. Nicht weil es laut ist. Nicht weil es verdorben redet. Sondern weil es isst. In einer öffentlichen Schule. In Deutschland.

    Wenn ein Kind lernt, dass sein Hunger vor dem religiösen Empfinden anderer zurückzutreten hat, dann ist das keine Integration. Das ist ihre Umkehrung. Das ist das genaue Gegenteil von dem, was meine Eltern verstanden haben, als sie damals ankamen: Du kommst in eine Gesellschaft. Du nimmst an ihren Regeln teil. Du verlangst nicht, dass die Gesellschaft ihre Regeln für dich verbiegt.

    Das Recht auf Pausenbrot ist keine Provokation. Und Lehrer, die das geschehen lassen, aus Angst, gecancelled zu werden, aus pädagogischer Erschöpfung oder ideologischer Verblendung sind Teil des Problems.

    Wir haben die falschen Einwanderer bekommen. Ich darf das sagen.

    Das ist kein rassistisches Urteil. Es ist ein Systemisches. Nicht die Falschen, weil es die falschen Menschen wären. Sondern die Falschen im Sinne einer Gesellschaft, die auf einem stillen Vertrag aufgebaut ist: Du kommst. Du trägst bei. Du nimmst, was du brauchst. Du gibst zurück.

    Dieser Vertrag wird kaum noch unterschrieben.

    Und das hat Konsequenzen, die sich in Zahlen lesen lassen, wenn man lesen will. Menschen, die Jahrzehnte in Rentenkassen eingezahlt haben, werden bald nicht mehr genug zum Leben haben. Die Generationenpyramide steht schon länger auf dem Kopf: buchstäblich, geometrisch, sozial. Eine Umverteilung, die dieses System trägt, ist arithmetisch nicht mehr darstellbar. Die Generation X hat die Renten der Babyboomer erwirtschaftet. Meiner Generation X und den nachfolgenden wird das verwehrt bleiben.

    Was wir eingezahlt haben, getragen haben, still und ohne großes Aufheben. Es kommt nicht zurück. Das ist keine Meinung. Das ist Mathematik.

    Wenn eine Ministerin angesichts dieser Mathematik erklärt, alles sei in Ordnung, dann ist das keine Schutzbehauptung. Das ist institutionalisierte Realitätsferne. Das ist Instinktlosigkeit, die entsteht, wenn man weit genug von der Wirklichkeit entfernt sitzt.

    Ich darf das sagen.

    Nicht, wegen des -ić in meinem Mädchennamen, das mir ein Sonderrecht gäbe. Sondern weil ich das Kind von Einwanderern bin, die damals gekommen sind. Die geackert haben. Nie gefragt haben, ob das System ihnen etwas schuldet. Die das System am Laufen hielten.

    Die Selbstverständlichkeit des Arbeitens, die mitgebrachte Würde: das war ihr Gepäck. Kein Aufheben. Keine Forderung. Statt dessen Palatschinken, Knoblauch und Ćevapčići.

    Diese Selbstverständlichkeit hat nicht jeder mitgebracht, der seit 2015 gekommen ist. Ich darf das sagen. Wer für diese Beobachtung andere bestraft, hat aufgehört zu denken und angefangen, seine Ideologie zu verteidigen. Das ist das Ende jeder ernsthaften Debatte.

    Die Prognosen, die sich über Deutschland legen, sind wie ein nicht enden wollender Novemberregen: wirtschaftliche Stagnation. Inflation. Ein Land, das beim Rennen um Künstliche Intelligenz schläft, während andere längst durchs Ziel rennen. Ein Regulierungsapparat, der jeden Unternehmergeist im Ansatz erstickt. Ein Europa, das sich selbst reguliert bis zur Bewegungsunfähigkeit. Geopolitische Brände vom Iran bis zur Ukraine.

    Jeder fünfte Deutsche will mittlerweile auswandern. Ich war wohl früh dran.

    Das alles zusammen: Zur falschen Migrationspolitik die Wirtschaftsstagnation. Zur Stagnation die Geopolitik. Zur Geopolitik das Schweigen der Zuständigen, das Beruhigen der Beunruhigten, das Pflaster auf Wunden, die längst von innen kommen.

    Irgendwo in Hessen sitzen zwei alte Menschen und schauen aus dem Fenster ihres Eigenheims auf ein Deutschland, das ihnen fremd geworden ist. Sie haben Knoblauch mitgebracht und serbische Bohnensuppe. Sie haben Deutschland mit aufgebaut, Steuern gezahlt und eine Tochter geboren, die in zwei Sprachen denkt und mit der linken Hand schreibt.

    Das wollte ich nur gesagt haben.

    #ichdarfdassagen

  • Kopftuch vs. Kopf

    Kopftuch vs. Kopf

    In der Straße von Hormus brennt das Öl, und die Welt schaut hin, weil Öl die Welt interessiert. Menschen weniger. Das ist keine Anklage, das ist eine Feststellung über den Zustand unserer Aufmerksamkeit, die sich nach Börsenpreisen richtet und nach Atomprogrammen und nach der Frage, ob der nächste Urlaub noch bezahlbar ist.

    Irgendwo in diesem Gedankengang, ganz hinten, nach den Flugpreisen, kommen sie vor: die Frauen im Iran. Ich möchte sie nach vorne holen. Für einen Moment. Bevor wir wieder zu den Ölpreisen zurückkehren.

    Denn während die Welt gerade auf den Iran schaut, schauen diese Frauen schon seit fünfundvierzig Jahren in dieselbe Richtung: auf ein Regime, das ihnen täglich erklärt, was sie nicht sind, was sie nicht dürfen, was sie nicht wert sind. Der Krieg trifft sie doppelt. Er trifft Frauen in einem Land, das ihnen ohnehin bereits alles abverlangt: die eigene Würde, die eigene Stimme, die eigene Entscheidung darüber, wie der eigene Kopf auszusehen hat. Die Bomben kommen obendrauf.

    Seit 1979, seit dem Tag, an dem Khomeini den Schleierzwang ausrief, ausgerechnet am 8. März, dem internationalen Frauentag, ob aus Absicht oder Gleichgültigkeit, leben Frauen im Iran nach Regeln, die Männer für sie entworfen haben. Ihr Zeugnis vor Gericht zählt halb so viel wie das eines Mannes. Sie dürfen nicht alleine reisen, nicht Richterin sein, nicht ins Stadion. Das Mindestalter für die Ehe wurde 1979 auf neun Jahre gesenkt. Neun. Wer eine sogenannte sündige Handlung begeht – eine romantische Beziehung vor der Ehe reicht dafür aus – riskiert bis zu 74 Peitschenhiebe. Das sind keine mittelalterlichen Anekdoten. Das ist geltendes Recht im Iran. Heute.

    Und die Frauen? Tausende gingen sofort auf die Straße, als das alles anfing, mit geballten Fäusten, und riefen. Es half nichts. Es hilft meistens nichts, wenn Frauen rufen. Das ist Erfahrungswissen, gesammelt über Jahrhunderte, auf allen Kontinenten. Also haben sie aufgehört zu rufen und angefangen zu denken. Leise. Auf eine Art, die man schwerer verbieten kann.

    Sie haben studiert. Das klingt unspektakulär. Es ist aber das Radikalste, was man in einem System tun kann, dass das Hinterfragen gleichzeitig verbietet. Sunnas und Koran dürfen nicht in Frage gestellt werden, die Scharia nicht diskutiert, auch nicht die drei vagen Koranverse, auf denen die gesamte Kopftuchpflicht gebaut ist.

    Iranische Frauen studieren alles Mögliche: Gravitationsgesetze. Zellstrukturen. Differentialgleichungen. Die Geometrie des Raums. Das Ergebnis ist statistisch bemerkenswert und politisch eine Niederlage für alle, die geglaubt haben, Unterdrückung ließe sich dauerhaft organisieren.

    Vor der Revolution von 1979 studierten 23 Prozent Frauen an iranischen Hochschulen. Heute sind es über 60 Prozent. Das ist die weltweite Spitze, laut UNESCO. Das iranische Regime hat als einziges Land auf der Welt Männerquoten eingeführt, Studienfächer gesperrt, Immatrikulationen verweigert. Es hat nicht funktioniert. Manche Dinge funktionieren nicht, auch wenn man sehr viel Macht hat. Intellekt lässt sich nicht per Gesetz abschaffen. Man kann ihn bestrafen. Man kann versuchen ihn einsperren. Man kann ihn nicht wegdefinieren.

    Als Konsequenz dieser fünfundvierzig Jahre stillen, hartnäckigen, gefährlichen Aufstands durch Bildung hat der Iran der Welt etwas gegeben, womit das Regime nicht gerechnet hatte: Überdurchschnittlich gut gebildete Frauen und die erste Frau überhaupt, die 2014 die Fields-Medaille gewann. Das ist die höchste Auszeichnung in der Mathematik. Maryam Mirzakhani, geboren in Teheran 1977, gestorben 2017 mit vierzig Jahren an Brustkrebs, zu früh für alles, was noch hätte kommen können.

    Sie wurde ausgezeichnet für ihre Arbeit an Riemannschen Flächen, gekrümmten Oberflächen, auf denen andere Regeln gelten als auf der Ebene; auf der die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten keine Gerade ist, sondern eine Kurve. Maryam Mirzakhan brachte dabei Gebiete zusammen, die niemand zuvor verbunden hatte: algebraische Geometrie, Topologie, Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ihre Kollegen beschrieben ihre Arbeit als von einer Originalität, die man in einer Generation einmal sieht, wenn man Glück hat.

    Drei wackelige Koranverse gegen drei Königsdisziplinen der Mathematik.

    Die iranischen Frauen leben auf Riemannschen Flächen. Das Gesetz hat ihnen die Gerade verboten, den direkten Weg, die offene Auseinandersetzung, den lauten Widerspruch. Also haben sie Kurven genommen. Eheverträge von ihren Männern verlangt, die das Gesetz unterlaufen. Kopftücher, die aus Trotz millimeterweise nach hinten wandern, Jahr für Jahr. Berufe, die man ihnen nicht verboten hatte, weil man nicht damit gerechnet hatte, dass sie sie ergreifen würden. Studienabschlüsse in Fächern, die das Regime für ungefährlich hielt, bis es merkte, dass kein Fach ungefährlich ist, wenn der Kopf dahinter frei denkt.

    Auf einer gekrümmten Fläche führt die Kurve manchmal weiter als jede Gerade. Das ist auch das Leben der Iranerinnen, seit fünfundvierzig Jahren, täglich, ohne Pfad, ohne garantiertes Ziel, gegen ein Regime, das Raketen hat und Gesetze und drei vage Koranverse und, das trotzdem verliert, langsam, millimeterweise, in jedem Hörsaal, in dem eine Frau sitzt und und Ihren Verstand nutzt.

    Kein Kopftuch dieser Welt ist groß genug, solche großartigen Geister zu verdecken.

    Aus Ermangelung an Kopftüchern ziehe ich meinen Hut vor diesen Frauen.

  • Mama macht Hormuz

    Mama macht Hormuz

    Ich sitze im Sessel, vertieft in einen Artikel, während meine Mutter mir den dritten Kaffee einschenkt und fragt, ob die Welt nun endlich beschlossen hat, unterzugehen, oder ob wir vorher noch die Fenster putzen müssen.

    „Es ist ganz einfach“, erkläre ich ihr und tippe auf den Artikel. „Europa hat einen Plan. Wir retten die Straße von Hormus. Aber, und das ist der Clou, wir machen es ohne die Amerikaner.“

    Meine Mutter hält inne. „Ohne die Amerikaner? Ist das nicht so, als würde man eine Feuerwehr gründen, aber dem Mann mit dem Löschwagen den Zutritt verbieten, weil er zu viel Lärm macht?“

    „Ganz genau“, sage ich bewundernd. „Man nennt das eine defensive Mission. Frankreich und die Briten haben beschlossen, dass die kriegführenden Parteien, also die USA, Israel und der Iran, draußen bleiben müssen. Wir warten einfach, bis das Schießen aufgehört hat, und dann fahren wir mit unseren Booten hinein und tun so, als wäre nichts gewesen.“

    Ich erkläre ihr die Logik der hohen Diplomatie: Da die USA unter Trump derzeit eine Seeblockade gegen den Iran verhängt haben, gelten sie als streitsüchtig. Und wenn man die Streitsüchtigen weglässt, so die französische Theorie, dann wird der Iran ganz bestimmt aufhören, Minen zu legen und stattdessen Blumen werfen.

    „Und was macht unser Friedrich?“, fragt meine Mutter.

    „Friedrich Merz? Er will deutsche Schiffe schicken“, sage ich. „Aber natürlich erst, wenn er ein Mandat hat. Ein Mandat vom UN-Sicherheitsrat. Dort, wo Russland und China sitzen und jedes Mal „Njet“ oder „Bù“ sagen, wenn der Westen was will. Es ist die perfekte deutsche Lösung: Wir erklären uns bereit für einen Einsatz, der niemals stattfinden kann, weil die Erlaubnis dafür in einem Büro in New York verstaubt. Das nennt man Staatskunst.“

    In der Zwischenzeit ist die Lage in der Meerenge eher ungemütlich. Der Schiffsverkehr ist um 95 % eingebrochen. Der Iran hat das Ganze in ein privates Maut-Häuschen verwandelt: Wer durch will, zahlt bis zu zwei Millionen Dollar, am liebsten in chinesischen Yuan.

    „Zahlen wir das?“, will meine Mutter wissen.

    „Wir schicken lieber Minensuchboote“, entgegne ich. „Davon haben wir noch eine ganze Menge. Die Amerikaner haben fast keine mehr, weil sie ihr Geld lieber für riesige Flugzeugträger ausgeben, die in der engen Straße von Hormus so nützlich sind wie ein Walross in einer Badewanne.“

    Aber der Weg ohne die USA ist eine mühsame Angelegenheit. Wir haben zwar die Boote, aber die Amerikaner haben die Satelliten. Wenn wir wissen wollen, wo wir hinfahren, müssen wir eigentlich sie fragen. Es sei denn, wir investieren 25 Milliarden Dollar in ein eigenes Weltraumsystem, das wäre dann so etwa im Jahr 2100 fertig. Bis dahin müssten wir uns wohl mit einem Atlas und einer Taschenlampe behelfen.

    „Und der Dritte Weltkrieg?“, fragt meine Mutter und stellt die Kaffeteassen weg. „Kommt er heute oder erst nach dem Wochenende?“

    „Die Experten sagen, die Chance für einen richtigen, großen Knall mit Atomwaffen liegt nur bei 1,2 %“, beruhige ich sie.
    „Allerdings liegt die Wahrscheinlichkeit für einen globalen Hybridkrieg bei 95 %. Das bedeutet, wir werden nicht direkt gesprengt, sondern nur langsam in den Wahnsinn getrieben. Mal wird ein Internetkabel durchgeschnitten, mal funktioniert das GPS nicht, und der Ölpreis steigt so hoch, dass man für eine Tankfüllung bald eine Hypothek auf das Haus aufnehmen muss.“

    Meine Mutter nickt verstehend. „Also ist die Lage so: Die Amerikaner wollen schießen, die Iraner wollen Yuan, und wir Europäer wollen ein Mandat, während wir ohne Satelliten in einer verminten Badewanne sitzen?“

    „Du hast die politische Gesamtsituation erstaunlich präzise zusammengefasst“, sage ich. „Es ist eine Zeit der geopolitischen Fragmentierung. Wir emanzipieren uns gerade von den USA. Es ist wie bei deinem Enkel, der von zu Hause auszieht, um der Welt zu beweisen, dass er ohne die Kreditkarte deines Schwiegersohns auskommt, und dann feststellt, dass er nicht mal weiß, wie man die Waschmaschine bedient.“

    „Schön“, sagt meine Mutter und reicht mir den Einkaufszettel. „Dann geh jetzt einkaufen, solange die Inflation noch unter sechs Prozent liegt. Und nimm Yuan mit, man weiß ja nie.“