Nach meinem letzten Text haben mir viele Menschen geschrieben: “Danke, dass du das sagst. Ich hätte mich das nicht getraut.”
Ich halte kurz fest. Deutschland, eine Demokratie. Artikel 5 Grundgesetz. Meinungsfreiheit, amtlich verbrieft und seit 1949 in Kraft. Menschen bedanken sich dafür, dass jemand seine Meinung sagt. Nicht in Weißrussland. Nicht in Nordkorea. In Deutschland. Das macht mich fassungslos.
Ich bin Generation X. Wir wissen noch, dass Freiheit nicht selbstverständlich ist. Die DDR war für uns kein Schulbuchthema, sondern das Land direkt nebenan, das seine Bürger einsperrte. In dem die Stasi Akten über Nachbarn anlegte und sich Familienmitglieder gegenseitig bespitzelten. In dem Schweigen die Überlebensstrategie war. Das war der Alltag von Millionen.
Eine Demokratie ist nicht deshalb eine Demokratie, weil alle dieselbe Meinung haben. Sie ist es, weil sie verschiedene Meinungen aushält. Auch unbequeme, auch falsche, auch solche, die einem den Atem verschlagen. Die Demokratie beweist ihre Stärke nicht darin, Konsens zu erzwingen, sondern darin, Widerspruch zu ertragen. Eine Demokratie, die nur angenehme oder eigene Meinungen zulässt, ist keine. Gefährlich wird es, wenn man seine Meinung nicht mehr aussprechen darf. Die verschwindet nämlich nicht. Sie geht in den Untergrund. Und was im Untergrund wächst, wächst wild ohne Korrekturmöglichkeiten.
Ich habe meine Meinung dazu was passiert, wenn eine geschlossene Gesellschaft in eine offene einwandert.
Ich sehe viele Frauen auf den Straßen, verhüllt mit Kopftüchern. Eingewickelt in ein Symbol, das seit Jahrhunderten dasselbe bedeutet: Der Körper der Frau ist eine Bedrohung. Ihre Sichtbarkeit eine Sünde. Das Kopftuch ist kein Modestück. Es ist eine Haltung, die in Stoff übersetzt wird. Wer das anders sehen will, erkläre mir bitte, warum dasselbe Symbol im Iran zur Staatsgewalt gehört und dort niemand von freier Entscheidung spricht. Und warum Frauen im Iran genau gegen dieses Symbol unter Einsatz ihres Lebens seit Jahrzehnten kämpfen. Die Vollverschleierung ist dann die letzte Konsequenz. Die Frau als Individuum verschwindet aus der Öffentlichkeit.
Auf sozialen Medien erklären junge muslimische Männer unverblümt, der Westen sei verloren, die Demokratie sei schwach und verachtenswert, und der Islam ist die Lösung. Diese Verachtung ist kein Frust. Sie ist Programm. Und sie hat Strukturen, die dokumentiert sind.
Der Verfassungsschutz warnt seit Jahren davor, wie islamistische Netzwerke demokratische Strukturen unterwandern. Vereine, Schulen, Verbände. Die Berichte existieren, die Beweise liegen vor, schwarz auf weiß.
Das BKA veröffentlicht jährlich Kriminalstatistiken. Darin stehen Zahlen. Nationalitäten. Überrepräsentationen, präzise erfasst und öffentlich zugänglich. Das sind keine Behauptungen. Das sind Datensätze, methodisch erhoben von einer Behörde, deren Aufgabe nicht Stimmungsmache ist, sondern Dokumentation.
In der Wissenschaft gibt es eine Regel, die so simpel ist, dass man sie eigentlich nicht erklären möchte: Erkenntnisse basieren auf Daten. Nicht auf Wünschen. Nicht auf dem, was sich gut anfühlt. Wer eine These aufstellt, belegt sie. Wer Daten vorlegt, widerlegt sie mit besseren Daten oder akzeptiert die alten. Diese Regel gilt in der Medizin. In der Physik. Oder in der Klimaforschung, wo man sie sehr lautstark einfordert. In der Migrationsdebatte gilt sie offenbar nicht.
Man muss diese Zahlen nicht mögen und kann über ihre Bedeutung streiten. Aber man darf sie nicht ignorieren, nur weil sie unangenehm sind. Oder diejenigen als Rassisten zu bezeichnen, die über diese Zahlen sprechen wollen. Zahlen sind keine Behauptungen. Das ist ihr großer Nachteil für alle, die ihre Gefühle über Wahrheiten stellen. Das Unbehagen über ein Ergebnis gilt mehr als das Ergebnis selbst. Wer sich durch eine Zahl verletzt fühlt, hat damit die Zahl nicht widerlegt. Er hat nur beschrieben, wie er sich fühlt. Das sind zwei verschiedene Dinge. In einer Gesellschaft, die aufgehört hat, den Unterschied zu erkennen, regieren nicht die Klügsten. Auch nicht die Genauesten. Es regieren die Empfindlichsten.
In der Wissenschaft nennt man das, wenn man Daten verwirft, weil sie nicht das Ergebnis liefern, das man haben möchte, eine Fälschung. Im politischen Diskurs nennt man es Haltung.
Eine Gesellschaft, die aufhört, ihre eigenen Daten ernst zu nehmen, verliert ihre Urteilsfähigkeit. Unbequeme Zahlen werden relativiert. Oder totgeschwiegen. Oder aus dem Zusammenhang gerissen. Irgendwann ist die Fähigkeit, zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu unterscheiden, so weit abgeschliffen, dass beides dasselbe zu sein scheint.
Der Verfassungsschutz hat entschieden, seine Erkenntnisse zu veröffentlichen. Das BKA hat entschieden, Zahlen zu erheben und zugänglich zu machen. Beide haben ihre Arbeit getan.
Was die Politik daraus macht, oder eben nicht macht, ist eine andere Entscheidung. Mit anderen Konsequenzen.
Kein Mensch darf im Namen Gottes über andere urteilen. Die Frau ist ein Individuum, und das Individuum steht vor dem Kollektiv. Europa hat Jahrhunderte gebraucht, um diese Erkenntnisse zu verinnerlichen. Das war kein Spaziergang. Das waren Kriege, Inquisitionen, Revolutionen, Weltbrände. Bezahlt zu einem Preis, der heute kaum vorstellbar ist.
Wir können gut in unserer Gesellschaft beobachten, wie weit der Reflex der falschen Toleranz in Deutschland reicht. Es besteht die Bereitschaft, ein rückständiges Frauenbild zu dulden, zu relativieren, zu erklären, es sogar zu akzeptieren. Solange es nur kulturell genug verpackt ist. Als wäre Unterdrückung weniger Unterdrückung, wenn diese ein religiöses Kostüm trägt.
Die Aufklärung war kein Geschenk. Sie wurde erkämpft gegen Kirchen, Könige, Traditionen, die sich für unumstößlich hielten. Herausgekommen ist die Überzeugung, dass jeder Mensch, jede Frau, jedes Kind ein Recht auf sein eigenes Leben hat. Auf seine eigene Stimme. Auf sein eigenes Gesicht im öffentlichen Raum. Das sind unsere westlichen Werte. Nicht weil wir sie erfunden haben. Sondern weil wir für sie gekämpft haben.
Wer diese Werte heute klein macht, aus Angst, als intolerant zu gelten, begeht einen Verrat. Nicht an einem abstrakten Abendland, sondern an den konkreten Frauen, die von diesen Werten profitieren. An den Mädchen, die zur Schule gehen dürfen. An den Töchtern, die ihr Leben frei wählen dürfen. An allen, die in Ländern leben, in denen das keine Selbstverständlichkeit ist, und die darum hierher gekommen sind.
Meine Eltern sind in den Sechzigern aus Jugoslawien nach Deutschland gekommen mit der Aussicht auf ein besseres, freieres Leben. Damit haben sie mir etwas in die Wiege gelegt, das kein Erbe der Welt aufwiegt: die Freiheit selbst zu entscheiden. Und das tiefe Bewusstsein, dass Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist.
Man ist kein schlechter Mensch, wenn man ein rückständiges Frauenbild ablehnt. Man ist kein Rassist, wenn man verlangt, dass die Würde der Frau nicht verhandelbar ist, weder für Einheimische noch für Zugezogene. Man muss sich nicht schämen für seine Identität, die auf Freiheit, Vernunft und Gleichberechtigung beruht.
Im Gegenteil.
Wer sich dafür schämt, hat nicht verstanden, wie wertvoll und fragil unsere Freiheit ist.



