Kommen Sie an die Tafel, Sie Genie! Nachhilfe für digitale Oberlehrer

Sie da, mit dem Globus-Emoji. Ja, Sie. Der unter brennende Grenzzäune „Wieso Spanien?!? Ceuta liegt aber in Afrika!!!“ postet und sich dabei fühlt, als hätten Sie die Erdkrümmung gerade entdeckt.

Sie halten sich für den Oberlehrer und gleichzeitig für die Stimme der Vernunft zwischen all den Hysterikern, wie Sie uns nennen. Dabei sind Sie nur der Mann der nutzlosen Belehrungen, der beim Wohnungsbrand auch die Feuerwehr korrigiert, das sei streng genommen gar kein Brand, sondern eine Oxidation.

Kommen Sie nach vorn an die Tafel. Wir gehen das jetzt gemeinsam durch, Lektion für Lektion, und am Ende gibt es eine Note.

Lektion eins, Geografie:

Ceuta ist keine einmalige geografische Laune. Die Europäische Union, deren Landkarte Sie so souverän schwenken, liegt auf vier Kontinenten verteilt. Neben Ceuta und Melilla haben wir auf dem Afrikanischen Kontinent auch Mayotte und Réunion, die zu Frankreich gehören. Französisch-Guayana liegt in Südamerika und ist EU-Gebiet. In Nordamerika, genauer in der Karibik, finden wir Guadeloupe, Martinique und Saint-Martin, ebenfalls französisches EU-Territorium; auch dort gilt der Euro.

Hawaii ist Amerika, viertausend Kilometer von Amerika entfernt. Kaliningrad ist Russland ohne einen Meter Grenze zu Russland. Das deutsche Büsingen liegt vollständig in der Schweiz, das spanische Llívia vollständig in Frankreich. Soll ich fortfahren?

Lektion zwei, Geschichte:

Ceuta ist seit 1668 spanisch. „Kolonialismus!“ rufen sie empört. Der Staat Marokko, an den Sie Ceuta so großzügig zurückgeben möchten, entstand ganze 288 Jahre später. Ceuta hat ihm keinen einzigen Tag gehört. Man kann das kolonial finden, nur führt die UNO eine amtliche Liste der zu entkolonialisierenden Gebiete, und dort steht Gibraltar drauf, Ceuta nicht. Wenn Sie trotzdem „Kolonialismus!“ rufen möchten, rufen Sie es Richtung Rabat: Dort kontrolliert man seit 1975 die Westsahara, ohne dass das von der UNO versprochene Referendum je stattgefunden hätte. Sie verwechseln den Angeklagten mit dem Kläger, aber das passiert, wenn man Geschichtsbücher nach der ersten Seite zuklappt.

Lektion drei, Heimatkunde:

Es gab einmal eine halbe Stadt, hundertsiebzig Kilometer tief im Gebiet eines Staates, der sie loswerden wollte. Sie gehörte nicht einmal formal zur Bundesrepublik: Viermächtestatus bis 1990, ihre Abgeordneten hatten im Bundestag kein volles Stimmrecht. West-Berlins Bindung an den Westen war auf dem Papier dünner als alles, was Ceuta mit Madrid verbindet. Wären 1948 Leute wie Sie am Zug gewesen – „liegt im Osten, geht mich nüscht an“ – wäre die Stadt verhungert. Stattdessen flog elf Monate lang alle neunzig Sekunden ein Rosinenbomber und brachte die überlebensnotwendige Verpflegung. Merken Sie sich aus dieser Lektion einen einzigen Satz: Zugehörigkeit ergibt sich nicht aus der Landkarte, sondern aus der Entscheidung, jemanden nicht im Stich zu lassen, komme, was wolle.

Lektion vier, Ethik:

In der Stadt, die Sie zum Kartenlesefehler erklären, leben 85.000 Menschen, die de jure aber vor allem de corazón Spanier sind. Ceutíes als Afrikaner zu bezeichnen ist eine offensive Beleidigung. Diese Menschen wählen das spanische Parlament, ihre Kinder gehen auf spanische Schulen. Ihre Stadt, die weniger als 20 Quadratkilometer misst, wurde gerade von 65.000 illegalen Migranten überrolt und verwüstet. Ein Mann wurde niedergestochen, etliche Ceutíes überfallen, in ihre Wohnungen wurde eingebrochen, ihre Autos mit Steinen beworfen. Insbesondere Frauen, trauen sich nicht auf die Straße. Und vor Melillas geschlossenem Grenzübergang stecken weitere zweitausend Migranten fest. Ihr Beitrag dazu: Besserwisser-Smileys.

Lektion fünf, aktuelle Stunde:

Der Ministerpräsident Spaniens postet gerade nicht nur seine Favorite-Urlaubs-Playlist auf Tiktok, er appelliert an die „positive Solidarität“ der Regionen: Siebentausend unbegleitete minderjährige illegale Migranten der letzten Tage sollen per verbindlichem Mechanismus aufs Festland verteilt werden. Zurück können sie nicht, denn das spanische Recht verbietet die Abschiebung unbegleiteter Minderjähriger, solange keine Eltern sie zurückfordern. Seit Sánchez regiert, wuchs die Zahl der Menschen mit spanischem Aufenthaltstitel um 1,3 Millionen seit 2018. Und erst im April 2026 legte seine Regierung per Dekret nach: eine weitere Regularisierungswelle für rund eine Million illegale Immigranten. Voraussetzung sind gerade einmal fünf Monate Aufenthalt in Spanien, nachweisbar mit praktisch jedem Beleg. Ein Mietvertrag oder eine Stromrechnung reicht. Die 7.000 bleiben also, dauerhaft. Die Krise ist nicht vorbei. Sie bekommt nur gerade neue Postleitzahlen.

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Lektion sechs, Sicherheitskunde:

Was Sie beim Blick auf Ihren Globus ebenfalls übersehen haben: Ceuta und Melilla gehören zum Schengen-Raum, seit Spaniens Beitritt 1991, mit einer einzigen Sonderregel: Wer die beiden Städte Richtung Festland verlässt, durchläuft eine Außengrenzkontrolle. Sie ist die letzte Sicherung im System. Und die vergangenen Tage haben vorgeführt, was passiert, wenn ein koordinierter Ansturm die Sicherungen davor durchbrennen lässt: 65.000 illegale Migranten in achtundvierzig Stunden, in Bewegung gesetzt von Schleusernetzwerken und sozialen Netzwerken, die ein Gerichtsurteil schneller in Marschbefehle übersetzten, als Madrid es lesen konnte.

Ich schreibe das nicht aus sicherer Entfernung. Ich lebe seit 22 Jahren auf einer spanischen Insel, und Ceuta hat uns gerade vorgeführt, wie schnell es kippen kann. Vom dortigen Grenzzaun bis zum spanischen Festland sind es kaum mehr als zwanzig Kilometer Luftlinie, an der engsten Stelle der Meerenge nicht einmal fünfzehn. Die Engländer sagen: When the going gets tough, the tough get going. Gut möglich, dass Ceuta nur ein Vorgeschmack war.

Kommen wir zur Benotung.

Geografie: befriedigend, Sie wissen tatsächlich, wo Ceuta liegt.

Geschichte: mangelhaft.

Heimatkunde: ungenügend.

Ethik: ohne Wertung, mangels erkennbarer Teilnahme.

Sicherheitskunde: nicht benotet, diese Prüfung schreibt gerade ganz Europa.

Gesamtnote: ungenügend, setzen.

Nicht weil Sie nicht wüssten, wo Ceuta liegt, das wissen Sie ja, Sie sagen es ja ständig. Sondern weil Sie partout herunterspielen, was dort gerade geschieht.

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