Gefühl schlägt Fakten: Die Tyrannei des gefühlten Rechtssystems

Wann genau haben wir eigentlich aufgehört zu lachen? Ich vermute, es muss irgendwann zwischen dem Gendersternchen und dem dritten Dutzend neuer Geschlechter-Etiketten passiert sein. Denn auf den Satz „Ich bin jetzt eine Frau“ hätte man früher schlicht erwidert: „Gratuliere, Loretta!“ Und alle hätten gelacht. Heute steht man stramm, nickt ergriffen und ist dankbar, an der Offenbarung teilhaben zu dürfen. Wer nicht mitklatscht, ist nicht etwa anderer Meinung. Er ist ein Ketzer, und die digitalen Scheiterhaufen lodern schon.

Eigentlich hatte ich mir geschworen, über dieses Thema kein Wort mehr zu verlieren. Es ist abgelutscht, durchgelitten, so durchgekaut wie ein geschmackloser Kaugummi. Doch dann lese ich, wie ein selbsternannter Trans-Influencer und Comedian namens Avelo auf Einladung der Grünen einen Auftritt hinlegt. Nicht im Bierzelt, sondern auf einer Fraktionsveranstaltung in einem Saal des Deutschen Bundestags, dem “Parlamentarischen Regenbogenabend“.

Ein minutenlanger Monolog über Muschis und Schwänze, vor geladenem Publikum, im Haus der Volksvertretung. Und weil das noch nicht genügt, schiebt Avelo ein Video aus dem Bundestag ins Netz nach, in dem er seiner staunenden Followern mitteilt, er sei ganz „feucht“.

Und genau daran erkennt man es: nicht an der Weiblichkeit, sondern an der Lautstärke, mit der es verkündet wird. Diese Herren sind nicht Frau, sie spielen Frau, und zwar in der Fassung, die ein pubertierender Junge sich darunter vorstellt: alles ist sexuell, nichts ist alltäglich. Man persifliert das Weibliche so lange, bis nur noch die Karikatur übrig ist und verlangt dann, dass wir vor dieser den Hut ziehen.

Bevor ich nun meinen Schwur breche, möchte ich zuerst mit einer Unterscheidung beginnen, die mir wichtig, und in dieser Debatte so selten geworden ist, wie Streusalz im Juli. Es gibt Menschen, die leben von klein auf in ihrem Körper wie in einem Anzug, der niemals passt und den sie nicht ausziehen können. Der Leidensdruck ist real, klinisch beschrieben und seit Jahrzehnten erforscht. Sie tun alles, um als das andere Geschlecht, mit dem sie sich identifizieren, von der Gesellschaft wahrgenommen zu werden. Diese Menschen wollen keine laute Aufmerksamkeit, sie wollen stille Erlösung. Und sie wissen dabei ganz genau, dass die Biologie kein Wunschkonzert ist. Sie behaupten nicht, die Natur überlistet zu haben. Sie möchten einfach nur in Ruhe leben und inneren Frieden finden. Vor ihnen ziehe ich meinen Hut, und zwar verdammt tief.

Und dann gibt es die anderen. Den Herrn mit Bart, Brusthaar und BH, der sich Frau nennt, während sein Adamsapfel aufgeregt im Takt seiner Forderungen auf und ab hüpft. Er hat keine sonderlichen Anstalten gemacht, als Frau durchzugehen. Er hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, seinen Rasierer zu suchen. Und trotzdem betritt er mit der Selbstverständlichkeit eines Grundbucheintrags Räume von Frauen. Nicht schüchtern, nicht entschuldigend, sondern laut und fordernd. Wir haben das alle zu akzeptieren, weil der Bärtige es so sagt. Die Wirklichkeit hat sich nach seinem Gefühl zu richten, und wer widerspricht, ist ein Unmensch, transphob sowieso.

Ich nenne es mal so, wie ich es empfinde: Das ist eine übergriffige geschlechtliche Aneignung. Denn die Botschaft lautet: Die Frau wird reduziert auf ein Gefühl, ein Kostüm, das man sich nach Belieben überstülpt, wenn einem danach ist. Jahrhunderte, in denen Frauen um jedes Stück Selbstbestimmung ringen mussten, schrumpfen damit auf die Größe dieser woken Verkleidungskiste. Bitter ist es auch für jene wahren Transfrauen. Für sie ist die bärtige Parodie kein Verbündeter, sondern ein Schlag ins Gesicht. Der Provokateur macht zum Karneval, was für sie ein lebenslanger, schmerzhafter Ernstfall ist. Er stellt bloß, wofür sie leiden. Diese Parodie einer Frau ist unsäglich unerträglich.

Der Bärtige kommt nicht allein. Er reist im Tross einer Bewegung, die sich für das gute Gewissen der Menschheit hält und dabei eine akribische Buchhaltung der Empörung führt. Dieselben Leute, die „kulturelle Aneignung“ hysterisch brüllen, wenn ein blasser Student Rasta-Zöpfe trägt, weil er ihnen nicht dunkelhäutig genug ist, finden die Aneignung des weiblichen Geschlechts vollkommen in Ordnung. Es sind Sittenwächter, woke Blockwarte, die anderen vorschreiben, wer was fühlen, tragen und sein darf, und sich dabei für das genaue Gegenteil eines Blockwarts halten.

Die inzwischen unzählbaren Geschlechtsidentitäten, deren Liste länger wird als die Speisekarte eines schlechten Chinesen, ist die neue Bibel. Und über allem thront das neue erste Gebot: Du sollst keine Wahrheit haben neben meinem Empfinden. Denn mein Gefühl steht über deinen Fakten. Was früher psychologische Gutachten und einen Richter brauchte, erledigt heute ein einziger Satz am Schalter des Standesamts: “Ich bin ab jetzt eine Frau.“ Kein Arzt, kein Beweis, keine Nachfrage. Die Behauptung ist ihr eigener Beleg. Drei Monate Wartezeit, ein Formular, fertig ist die neue Wahrheit, amtlich beglaubigt und gestempelt. Man hat das Fühlen also nicht nur zur Wissenschaft erklärt, man hat es zur Rechtslage gemacht.

Nun gut. Wenn das die verschwurbelte Regel ist, spiele ich mal kurz mit. Heute fühle ich mich als Rottweiler, meine Pronomen sind wuff & knurr, und ich erwarte, dass man mir beim Betreten des Raumes eine grobe Ringleberwurst zuwirft. Morgen, da weiß ich noch nicht, wie ich mich fühle. Das entscheide ich dann spontan aus meinem Nabel-Chakra heraus. Vielleicht identifiziere ich mich als Ikea-Regal, vielleicht als Wolf oder Lamm, und meine Pronomen sind Hurz! & Furz! Man wird es akzeptieren müssen, denn ich habe es so gesagt, und mein Gefühl ist unantastbar.

Absurd? Selbstverständlich! Aber genau das ist der Punkt: Wer das Gefühl über alles stellt, hat die Absurdität schon von Anfang an abgesegnet. Es ist kein Zufall, dass diese Weltbilder so schief geraten. Wer auf einem Fundament aus mangelnder Bildung, ungeübtem Denken und abgemeldeter Moral baut, kann nichts Gerades und Solides errichten. Die ganze Ideologie ist ein wackeliges Kartenhaus, schiefer als der Turm zu Pisa, das schon beim ersten sachlichen Windhauch in sich zusammenfällt. Und weil dann die Argumente fehlen, greift man zu den einzigen Mitteln, die noch da sind: Man stapelt neue Wirrnis auf die alte, bis das ohnehin schon verworrene Bild vollends schief hängt. Sieht der Woke sich am Ende matt gesetzt, bleibt ihm nur ein letzter Zug: der nervöse Zusammenbruch. Laut und öffentlich, versteht sich.

Das große Bündnis unter dem immer länger werdenden Kürzel LGBTQIA+ ist zum Auffangbecken für narzisstische Selbstdarsteller geworden, die weniger Rechte suchen als Bühne. Und während die Lautesten die Parade zur Selbstinszenierung machen und das Schlafzimmer auf die Straße tragen, ziehen sich die ernsthaften Schwulen, Lesben und transidentischen Menschen zurück. Die, die jahrzehntelang für Würde gekämpft haben und nun feststellen, dass ihr Anliegen zur Modenschau der Eitelkeiten verkommen ist. Sie fühlen sich verraten, und zwar von den eigenen Reihen. Wer glaubt, es gehe um Gleichheit, sieht sich einem Wettbewerb im Verschiedensein gegenüber, bei dem täglich neue Kategorien erfunden werden, damit auch der Langweiligste noch etwas Besonderes sein darf.

Man streitet über Pronomen, während das Fundament bröckelt, und erfindet Geschlechter, weil einem die echten Probleme zu anstrengend sind. Rom, heißt es, habe sich zuletzt mehr mit den Frisuren seiner Kaiser beschäftigt als mit den Barbaren vor den Toren. Ob das die Ursache seines Untergangs war, streiten die Historiker; als Warnung taugt das Bild allemal.

Verstehen wir uns nicht falsch. Ich nenne jeden Menschen bei dem Namen, mit dem er sich vorstellt, und begegne ihm mit Respekt. Aber freundlich sein heißt nicht, die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen. Ich kann nett zu jemandem sein und trotzdem wissen: Ein Mann wird keine Frau, nur weil er es sich wünscht. Und diese Wirklichkeit lasse ich mir von niemandem wegdiskutieren – so freundlich ich dabei auch lächle.

Eine Frau ist keine Stimmung, kein Kostüm, kein Faschingsartikel. Eine Frau ist ein erwachsener, weiblicher Mensch, in aller Regel mit XX-Chromosomen, mit einem weiblichen Körper und mit der Anlage, Leben hervorzubringen. Dass man diesen Satz im Jahr 2026 überhaupt niederschreiben muss, ist an sich schon das Zeugnis einer verwirrten Zeit. Aber das Schöne an Tatsachen ist, dass sie nicht darauf angewiesen sind, geglaubt zu werden. Sie stehen einfach da, wahrhaftig, geduldig, und warten, bis der Lärm sich heiser geschrien hat.

Ich weigere mich, die Hoffnung aufzugeben, dass der gesunde Menschenverstand bald wieder zurückkehrt. Denn er wird zurückkommen, sich umsehen und fragen:

Was um alles in der Welt ist hier passiert?

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