Die verfehlten Jahrgänge: Wie Universitäten das freie Denken verlernen

Die Universität war einmal ein Versprechen. Nicht das Versprechen, recht zu haben, sondern das Versprechen, herauszufinden, wer recht hat. Ein Ort, an dem die stärkere These die schwächere schlägt, und zwar durch Argumente, nicht durch Lautstärke. Man kam als junger Mensch mit Überzeugungen hinein und ging mit der Fähigkeit hinaus, sie zu überprüfen. Das war der ganze Zauber: Nicht was du denkst, sondern dass du denkst.

Was heute an nicht wenigen Fakultäten stattfindet, ist die Umkehrung dieses Versprechens. Es wird nicht mehr gelehrt, wie man einen Gedanken prüft, sondern wie man einen unerwünschten Gedanken zum Schweigen bringt. Der junge Mensch lernt einen Reflex, und der Reflex heißt: Was mir nicht passt, wird abgeschafft.

Dieser Reflex wandert mit. Er bleibt nicht auf dem Campus zurück wie ein alter Studentenausweis. Er zieht mit dem Absolventen in sein erstes Büro, in seine erste Leitungsposition, in seine erste Entscheidung, an der etwas hängt.

Universitäten sind wie Weingüter. Sie ziehen keine Trauben, sie ziehen Jahrgänge. Menschen, die irgendwann abgefüllt und in die Welt geliefert werden, in die Kanzleien, die Redaktionen, die Chefetagen. Ein Jahrgang trägt das Klima seines Entstehungsjahres in sich, für Jahrzehnte. Und das Klima an vielen Fakultäten ist derzeit dünn, ideologisch und zugig. Ganze Themen sind aus den Kellern verschwunden, weil sie einen falschen Nachgeschmack haben könnten. Man baut nur noch an, was gefällt.

Eine Gesellschaft trinkt ihre Jahrgänge mit einigen Jahren Verspätung. Was heute im Hörsaal an Reflexen eingekellert wird, entkorken wir erst, wenn diese Menschen die Schalthebel bedienen. und dann schmeckt man jede faule Traube heraus.

Es geht hier nicht um ein paar aufgeregte Semester und ein paar Fahnen. Es geht um die Bildung jener Menschen, die in ein paar Jahren die Gesetze schreiben, die Unternehmen lenken, die Krisen managen. Wir ziehen eine Generation von Entscheidern heran, die die Debatte für eine Zumutung hält. Menschen, die gelernt haben, dass Denken riskant, Schweigen sicher, und Wegducken die vernünftigste Karrierestrategie ist.

https://www.merkur.de/politik/proteste-an-uni-duesseldorf-wegen-vorlesung-ueber-trans-identitaet-94408948.html?fbclid=IwY2xjawTxHhlwZG9mBWV4dG4DYWVtAjEwAGJyaWQRMXB0UHhEdVlLNUdEeWZ6RjFzcnRjBmFwcF9pZBAyMjIwMzkxNzg4MjAwODkyAAEeJTZQzlnclgSDXaxgd7_HEbphXCimW0WIkglcRn2SKzaIHFV_0Xy5_FFQ92U_aem_70jbVwEr9fesSJ8fbKnKKg

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