94 Prozent

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Stellen Sie sich vor, Sie heißen Stefan. Stefan ist ein guter Name. Solide. Mitteleuropäisch. Klingt nach jemandem, der pünktlich ist und Werkzeug besitzt, das er auch benutzt.

Stefan arbeitet. Stefan hat immer gearbeitet. Stefan kennt nichts anderes, und das war lange kein Problem, sondern eine Tugend. Die Gesellschaft liebt Menschen, die nichts anderes kennen. Sie nennt sie verlässlich. Fleißig. Das Rückgrat der Nation. Als wäre die Nation ein Körper, der Stefan braucht, um aufrecht zu stehen.

Jetzt bekommt die Nation ein Exoskelett. Aus Silizium. Und Stefan fragt sich, was man mit einem Rückgrat macht, das niemand mehr braucht.

Die Chefs der größten KI Unternehmen der Welt haben gewarnt. Das ist bemerkenswert. Normalerweise warnen Leute vor dem, was andere tun. Diese Leute warnen vor dem, was sie selbst tun.

Sam Altman sagt: Die Gesellschaft ist nicht vorbereitet.

Dario Amodei sagt: Es kommt ein Tsunami.

Währenddessen streiten die Ökonomen über Szenarien.

Szenario eins: Alles wird gut.

Szenario zwei: Es wird schwierig, aber dann wird es gut.

Szenario drei: Es wird sehr schwierig, bevor es gut wird.

Szenario vier: Jemand muss die Frage stellen, wem das Gute dann gehört.

Szenario vier wird meist übersprungen.

Es gibt eine Zahl, die mich gerade nicht loslässt.

94.

94% aller kognitiven Arbeit ist theoretisch automatisierbar. Das haben Forscher ausgerechnet. Mit Methoden, die ich nicht vollständig verstehe, und Modellen, die ich nicht vollständig überprüfen kann.

Aber die Zahl steht da. 94 Prozent. Ich habe versucht, mir das vorzustellen. 94 Prozent. Was ist das?

Das ist fast alles. Das ist der Buchhalter und der Anwalt und der Texter und der Radiologe und der Sachbearbeiter und der Übersetzer und der Journalist und der Programmierer und der Unternehmensberater und der…….

Ich höre auf. Die Liste macht traurig. Oder sie macht wütend. Oder beides gleichzeitig, was das Anstrengendste ist.

6 Prozent bleiben. Ich frage mich, wer in diesen 6 Prozent steckt. Und ob ich dazugehöre. Und ob es ethisch ist, das zu hoffen.

Meine Familie kommt aus einem Land, das es nicht mehr gibt. Das klingt dramatisch. Es ist dramatisch. Jugoslawien hieß es. Es hatte guten Schnaps und schlechte Witze und Menschen, die morgens aufstanden und zur Arbeit gingen und abends zurückkamen und dachten, das bleibt so.

Blieb es nicht.

Ich sage das nicht, um zu klagen. Ich sage das, weil ich weiß, was es bedeutet, wenn eine Welt, die verlässlich schien, plötzlich aufhört, verlässlich zu sein. Wenn das Fundament, auf dem man stand, vollkommen erodiert. Die meisten Menschen glauben, das passiert nur in Kriegen. In Katastrophen. In Revolutionen mit Barrikaden und Fahnen.

Falsch.

Es passiert auch in Quartalszahlen. In Stellenanzeigen, die plötzlich ausbleiben. In Sätzen wie: „Wir müssen die Struktur anpassen.“ In dem Moment, wenn Stefan merkt, dass seine Stelle nicht nachbesetzt wird. Dass er zwar nicht entlassen wird. Aber dass man einfach wartet, bis er von selbst geht. Das ist auch eine Revolution. Nur ohne Fahnen.

Meine jugoslawische Großmutter hat nie in einem Büro gearbeitet. Sie hat Felder bestellt, Wasser getragen, Kinder großgezogen, Ziegen gemolken, Brot gebacken, Wunden verbunden, Tote betrauert und trotzdem am nächsten Morgen das Feuer angezündet.

Keine dieser Tätigkeiten wurde je in einem Arbeitsvertrag festgehalten. Keine wurde je mit Sozialversicherungsbeiträgen belegt. Keine wurde je als „produktiv“ im wirtschaftlichen Sinne gezählt.

Und doch: Ohne sie wäre nichts gewesen. Kein Dorf. Keine Familie. Kein Ich, das jetzt diesen Text schreibt und aus dem Fenster schaut.

Ich frage mich manchmal, was die KI über meine Großmutter denkt. Wahrscheinlich nichts. Denn Baba hat keine Daten für sie hinterlassen. Sie existiert in keinem Trainingsdatensatz. Sie ist für die Maschine, als wäre sie nie gewesen.

Lassen Sie mich ehrlich sein. Ich benutze KI. Täglich. Sie hilft mir, Sätze zu überprüfen, Ideen zu sortieren, Dinge nachzuschlagen, die ich vergessen habe oder nie gewusst habe. Sie ist nützlich. Sie ist manchmal sogar klug.

Aber die KI hat noch nie aus dem Fenster geschaut und sich gefragt, was das alles soll.

Das tue nur ich.

Die Maschinen werden vieles übernehmen. Wahrscheinlich das meiste. Alles, was sich in Aufgaben zerlegen lässt, in Schritte, in Prozesse, in wiederholbare Muster.

Was sie nicht übernehmen können – und ich sage das ohne Romantik, ohne Nostalgie, ohne falschen Trost – ist das Staunen. Die Trauer. Die Freude, die sich nicht erklären lässt. Das Gespräch, das nirgendwohin führt und genau deshalb alles bedeutet.

Das ist kein Argument gegen die Maschine. Das ist ein Argument für den Menschen. Denn der Mensch ist nicht die Summe seiner Tätigkeiten. Er ist das Wesen, das mittendrin aufhört und fragt:

Warum eigentlich?

Machen wir eine Übung. Schreiben Sie auf, was Sie heute gemacht haben. Jeden Schritt. Jede Aufgabe. Jeden Satz, den Sie getippt, jedes Formular, das Sie ausgefüllt, jedes Meeting, in dem Sie gesessen haben. Streichen Sie jetzt alles, was eine KI auch kann.

Was bleibt?

Ich habe diese Übung gemacht. Für mich. Was blieb:

Das Gespräch mit meiner Tochter über irgendeinen Unsinn, den sie heute erlebt hat. Das Lachen darüber. Das warme Gefühl, das danach noch eine Weile blieb.

Ein Kartenspiel mit der Familie. UNO. Wir spielen es seit Jahren und kennen die Regeln immer noch nicht. Wir erfinden sie während des Spiels. Jedes Mal neu. Jedes Mal anders. Jeder betrügt ein bisschen. Niemand gibt es zu. Alle lachen. Keine KI der Welt würde diese Runde gewinnen können. Sie wäre zu beschäftigt damit, die richtigen Regeln zu ermitteln.

Und mein Hund. Er wartet auf den Ball. Er wartet auf nichts anderes. In diesem Moment, wenn der Ball fliegt, gibt es für ihn kein Gestern und kein Morgen und keine 94 Prozent und keine Quartalszahlen. Nur den Ball. Ich beneide ihn nicht. Ich lerne von ihm.

Ich habe Freunde gefragt, was sie machen würden, wenn sie nicht arbeiten müssten.

Maria, Lehrerin: „Endlich lesen. Richtig lesen. Nicht zwischen zwei Korrekturen.“

Agata, Buchhalterin: „Keine Ahnung. Das macht mir Angst, dass ich keine Ahnung habe.“

Mein Vater, Rentner seit drei Jahrzehnten: „Ich vermisse die Arbeit. Sag das niemandem.“

Ich sage es allen.

Stefan steht auch diesen Morgen wieder auf. Er macht Kaffee. Nicht weil er muss. Sondern weil der Kaffee gut riecht und weil der Morgen noch still ist, und er in dieser Stille für einen Moment vergessen kann, was draußen wartet. Dann geht er. Zur Arbeit oder zu dem, was davon übrig ist.

Unterwegs sieht er andere Stefans. Auf dem Fahrrad. An der Bushaltestelle. Vor dem Werkstor. Sie nicken sich zu. Kein Wort. Nur dieses kleine Nicken, das bedeutet: Ich sehe dich. Du bist da. Das zählt.

Kein Algorithmus der Welt versteht dieses Nicken.

Kein Modell kann es trainieren.

Es ist zu klein.

Zu stumm.

Zu menschlich.

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