Trauer

  • ABSCHIED AUF DEM FELD

    ABSCHIED AUF DEM FELD

    Du kamst vor 4 Jahren in unser Haus, vorsichtig, fast lautlos. Als wüsstest du nicht, ob du bleiben darfst. Als rechnetest du damit, daß die Welt wieder grausam wird.

    2 Tage saßt du reglos in deinem Korb. Erst der Duft von Pizza lockte dich aus deinem Schneckenhaus. Vorsichtig. Misstrauisch. Zögernd. Mit eingezogenem Kopf. Ein Schritt. Noch einer. Als würdest du prüfen, ob diese neue Welt es gut mit dir meint.

    So warst du immer. Traumatisiert und tapfer zugleich.

    .Du hast Mülltonnen gemieden, als lauere darin noch immer dein altes Leben. Man hatte dich wie Müll entsorgt in einer Tonne. Dort wurdest du von guten Menschen gefunden, die dich zur Mallorca Tierrettung brachten.

    Autos und Busse jagten dir Angst ein, und ich begann, die Welt für dich ein wenig leiser zu machen. Wir sind in die Natur gegangen, so oft wir konnten. Zwischen Feldern und Bäumen warst du frei. Dort bist du Eseln hinterhergejagt, als gäbe es nichts Bedrohliches mehr auf dieser Welt.

    Abends lagst du immer neben mir, zufrieden atmend mit diesem kleinen Seufzer der Erleichterung, wenn dein Kopf meinen Arm berührte. Als würdest du sagen: Hier bin ich sicher. Hier darf ich bleiben.

    Ich wollte dir ein neues Leben schenken. Eines, das stärker ist als das, was man dir angetan hat. Ich wollte die Mülltonne ungeschehen machen.

    Im Sommer entdeckte ich diese kleine Beule auf deiner Nase. Ein Insektenstich, dachte ich. Die Biopsie war unauffällig. Ich atmete auf. Doch das Ding wuchs weiter. Und mit jedem Tierarztbesuch wurde die Wahrheit klarer. Krebs. Unheilbar. Schon zu weit gegangen.

    Ich habe mir Vorwürfe gemacht. Hätte ich früher etwas merken müssen? Aber du warst fröhlich. Lebenslustig. Du kamst mit ins Büro, warst mein Schatten. In der Mittagspause gingen wir spazieren. Abends sprangst du in mein Bett, krochst unter meine Decke. Morgens warst du mein fröhlicher Wecker.

    In den letzten zwei Wochen wurde es stiller um dich. Dein Schritt langsamer. Dein Blick müder. Ich wusste, dass unsere Zeit nicht mehr in Monaten zählte, sondern in wenigen, kostbaren Tagen.

    Also ging ich mit dir hinaus. In die Felder. Dorthin, wo die Welt für dich immer ein wenig freundlicher war. Ich wollte jeden Spaziergang bewusst gehen. Jeden Weg speichern.

    Und während wir nebeneinander herliefen, habe ich begonnen, mich Schritt für Schritt von dir zu verabschieden.

    Und dann der Sprung vom Sofa. Ein falscher Moment. Deine Pfote ausgekugelt. Bei einem gesunden Hund hätte man operiert. Bei dir nicht mehr. Unsere Abschiedsspaziergänge endeten, bevor ich bereit war, dich loszulassen.

    Heute trage ich dich noch einmal zu den Eseln. Du humpelst ihnen entgegen und bellst, als wolltest du der Welt beweisen, dass du noch da bist. Ich habe dir Pizza gemacht. So viel du willst. Krümel im Fell, Glanz in deinen Augen.

    Später lege ich dir das alte Halsband an. Das aus dem Tierheim, als du vor 4 Jahren bei uns ankamst. Ein Kreis, der sich schließt. Beim Tierarzt halte ich deinen Kopf in meinen Händen. Ich flüstere dir zu, dass du das beste Mädchen bist. Dass du genug gekämpft hast. Dass du jetzt loslassen darfst.

    Ich bin zerrissen zwischen Schmerz und Erleichterung. Der Schmerz, dich gehen zu lassen. Die Erleichterung, dass deine Qual endet.

    Du wurdest nur sechs Jahre alt.

    Aber in dieser Zeit warst du mein ganzes Herz, Mathilda.