Straße von Hormuz

  • Mama macht Hormuz

    Mama macht Hormuz

    Ich sitze im Sessel, vertieft in einen Artikel, während meine Mutter mir den dritten Kaffee einschenkt und fragt, ob die Welt nun endlich beschlossen hat, unterzugehen, oder ob wir vorher noch die Fenster putzen müssen.

    „Es ist ganz einfach“, erkläre ich ihr und tippe auf den Artikel. „Europa hat einen Plan. Wir retten die Straße von Hormus. Aber, und das ist der Clou, wir machen es ohne die Amerikaner.“

    Meine Mutter hält inne. „Ohne die Amerikaner? Ist das nicht so, als würde man eine Feuerwehr gründen, aber dem Mann mit dem Löschwagen den Zutritt verbieten, weil er zu viel Lärm macht?“

    „Ganz genau“, sage ich bewundernd. „Man nennt das eine defensive Mission. Frankreich und die Briten haben beschlossen, dass die kriegführenden Parteien, also die USA, Israel und der Iran, draußen bleiben müssen. Wir warten einfach, bis das Schießen aufgehört hat, und dann fahren wir mit unseren Booten hinein und tun so, als wäre nichts gewesen.“

    Ich erkläre ihr die Logik der hohen Diplomatie: Da die USA unter Trump derzeit eine Seeblockade gegen den Iran verhängt haben, gelten sie als streitsüchtig. Und wenn man die Streitsüchtigen weglässt, so die französische Theorie, dann wird der Iran ganz bestimmt aufhören, Minen zu legen und stattdessen Blumen werfen.

    „Und was macht unser Friedrich?“, fragt meine Mutter.

    „Friedrich Merz? Er will deutsche Schiffe schicken“, sage ich. „Aber natürlich erst, wenn er ein Mandat hat. Ein Mandat vom UN-Sicherheitsrat. Dort, wo Russland und China sitzen und jedes Mal „Njet“ oder „Bù“ sagen, wenn der Westen was will. Es ist die perfekte deutsche Lösung: Wir erklären uns bereit für einen Einsatz, der niemals stattfinden kann, weil die Erlaubnis dafür in einem Büro in New York verstaubt. Das nennt man Staatskunst.“

    In der Zwischenzeit ist die Lage in der Meerenge eher ungemütlich. Der Schiffsverkehr ist um 95 % eingebrochen. Der Iran hat das Ganze in ein privates Maut-Häuschen verwandelt: Wer durch will, zahlt bis zu zwei Millionen Dollar, am liebsten in chinesischen Yuan.

    „Zahlen wir das?“, will meine Mutter wissen.

    „Wir schicken lieber Minensuchboote“, entgegne ich. „Davon haben wir noch eine ganze Menge. Die Amerikaner haben fast keine mehr, weil sie ihr Geld lieber für riesige Flugzeugträger ausgeben, die in der engen Straße von Hormus so nützlich sind wie ein Walross in einer Badewanne.“

    Aber der Weg ohne die USA ist eine mühsame Angelegenheit. Wir haben zwar die Boote, aber die Amerikaner haben die Satelliten. Wenn wir wissen wollen, wo wir hinfahren, müssen wir eigentlich sie fragen. Es sei denn, wir investieren 25 Milliarden Dollar in ein eigenes Weltraumsystem, das wäre dann so etwa im Jahr 2100 fertig. Bis dahin müssten wir uns wohl mit einem Atlas und einer Taschenlampe behelfen.

    „Und der Dritte Weltkrieg?“, fragt meine Mutter und stellt die Kaffeteassen weg. „Kommt er heute oder erst nach dem Wochenende?“

    „Die Experten sagen, die Chance für einen richtigen, großen Knall mit Atomwaffen liegt nur bei 1,2 %“, beruhige ich sie.
    „Allerdings liegt die Wahrscheinlichkeit für einen globalen Hybridkrieg bei 95 %. Das bedeutet, wir werden nicht direkt gesprengt, sondern nur langsam in den Wahnsinn getrieben. Mal wird ein Internetkabel durchgeschnitten, mal funktioniert das GPS nicht, und der Ölpreis steigt so hoch, dass man für eine Tankfüllung bald eine Hypothek auf das Haus aufnehmen muss.“

    Meine Mutter nickt verstehend. „Also ist die Lage so: Die Amerikaner wollen schießen, die Iraner wollen Yuan, und wir Europäer wollen ein Mandat, während wir ohne Satelliten in einer verminten Badewanne sitzen?“

    „Du hast die politische Gesamtsituation erstaunlich präzise zusammengefasst“, sage ich. „Es ist eine Zeit der geopolitischen Fragmentierung. Wir emanzipieren uns gerade von den USA. Es ist wie bei deinem Enkel, der von zu Hause auszieht, um der Welt zu beweisen, dass er ohne die Kreditkarte deines Schwiegersohns auskommt, und dann feststellt, dass er nicht mal weiß, wie man die Waschmaschine bedient.“

    „Schön“, sagt meine Mutter und reicht mir den Einkaufszettel. „Dann geh jetzt einkaufen, solange die Inflation noch unter sechs Prozent liegt. Und nimm Yuan mit, man weiß ja nie.“

  • Was soll ich werden, wenn die Welt brennt?

    Was soll ich werden, wenn die Welt brennt?

    Er sitzt mir gegenüber und sieht mich an. Nicht so, wie Kinder ihre Eltern anschauen, wenn sie eine Antwort wollen. Sondern so, wie man jemanden anschaut, von dem man nicht mehr wirklich erwartet, dass er eine hat. Sein Blick, er trifft mich mitten ins Herz.

    „Mama, was soll ich werden?“

    Die Frage hängt im Raum. Sie klingt einfach. Sie ist es aber nicht.

    „Ich weiß nicht mal, ob es sich überhaupt noch lohnt, zu studieren. Die Welt dreht gerade durch. Wie soll ich da meine Zukunft aufbauen?“

    Er ist zwanzig. Er sollte gerade anfangen, die Welt zu erobern. Stattdessen schaut er sie an, als wäre sie ein brennendes Haus, in das er einziehen soll.

    Ich nicke. Ich sage noch nichts. Ich höre zu. Und während er redet, beginnt in mir ein Kopfkino.

    Ich sehe 500 Schiffe, die vor einer Meerenge treiben und nicht wissen wohin. Ich sehe Fabriken in Deutschland, die Schicht für Schicht runterfahren, weil der Strom zu teuer wird. Ich sehe Insolvenzen im 20-Minuten-Takt. Ich sehe Tankstellen in Kalifornien mit neun Dollar pro Gallone und denke: Was kostet der Liter bei uns in drei Monaten?

    Er redet weiter. Ich höre ihn. Ich bin aber auch woanders.

    Ich sehe einen alten israelischen General, der vor einer Kamera weint, und einen Stabschef, der sagt, seine Armee könnte in sich zusammenbrechen. Ich sehe einen orangen Mann im Weißen Haus, der Ultimaten ausspricht und sie dann verlängert. Fünf Tage. Zehn Tage. Als würde er Zeit kaufen wollen, die er nicht hat. Ich sehe meinen Sohn. Er ist zwanzig.

    „Du hörst mir gar nicht zu“, sagt er.

    „Doch“, sage ich. „Ich höre dir zu.“

    Und das stimmt. Ich höre ihm zu auf zwei Ebenen gleichzeitig. Ich kann seine Fragen nicht trennen von dem, was ich gelesen habe. Was ich glaube verstanden verstanden zu haben.

    Er fragt: Soll ich studieren?

    Ich denke: In welcher Welt wirst du deinen Abschluss machen?

    Er fragt: Soll ich in eine andere Stadt ziehen?

    Ich denke: Welche Städte werden sich in zehn Jahren noch leisten können, jung zu sein?

    Er fragt: Macht es überhaupt Sinn, zu sparen?

    Ich denke an Inflation. Eine Rezession. An das Wort, das ich nicht laut sagen will: Depression. Nicht die seelische. Die wirtschaftliche. Die, die ganze Generationen prägt. Die, aus der man historisch gesehen kaum herauskommt, ohne dass vorher etwas Schlimmeres passiert.

    Ich schaue ihn an. Ich denke an Atomwaffen. Ich schäme mich für diesen Gedanken. Er sitzt hier und redet über sein Leben. Und ich denke an Atomwaffen.

    Aber ich kann nicht anders. Weil irgendwo ein Wissenschaftler sagt, der Iran könnte Atombomben haben. Tief unter der Erde. Unerreichbar. Und weil zwei Männer existieren, einer in Washington, einer in Tel Aviv, von denen niemand, der sie kennt, ausschließt, dass sie im äußersten Moment den Knopf drücken würden. Nicht als letzten Ausweg. Sondern weil sie glauben, dass Gott auf ihrer Seite ist. Oder weil sie schlicht in die Enge getrieben sind und keine andere Sprache mehr kennen.

    Und dann denke ich weiter. Daran, was danach käme.

    Russland. China. Zwei Länder mit denselben Waffen. Nur mehr davon. Länder, die ihre eigenen Interessen haben. Die nicht zusehen würden, wie der Iran, mit dem sie Abkommen haben, Pipelines, Handelsrouten, in Schutt und Asche gelegt wird. Ohne zu reagieren.

    Das wäre kein regionaler Krieg mehr.

    Das wäre etwas, für das wir kein gutes Wort haben. Weil das letzte Mal, dass so etwas möglich war, die Menschheit beschlossen hat, es nie wieder so weit kommen zu lassen.

    Und trotzdem sitzen wir hier.

    „Mama?“

    „Ja.“

    „Was soll ich machen?“

    Ich atme aus.

    Ich denke noch an etwas anderes. Etwas, das leiser kommt als Bomben. Langsamer. Aber genauso tiefgreifend.

    Ich denke an die Maschinen, die gerade lernen zu denken.

    Nicht wie im Film. Nicht mit glühenden Augen und bösen Absichten. Sondern In Büros. In Serverhallen. Buchhalter, die ersetzt werden. Übersetzer. Sachbearbeiter. Grafiker. Journalisten. Programmierer. Juristen. Chirurgen.

    Alle Berufe, von denen wir dachten, sie wären sicher, weil sie Köpfe brauchen, sie werden gerade neu bewertet. Nicht in zwanzig Jahren. Jetzt. In den nächsten fünf Jahren werden Millionen von Stellen wegfallen. Nicht wegen einer Krise. Sondern wegen Effizienz. Wegen Fortschritt. Weil eine Maschine es schneller kann, billiger, ohne Urlaub, ohne Krankentage, ohne Gehaltsverhandlung.

    Mein Sohn fragt, was er werden soll.

    Und ich denke: Was bleibt übrig, wenn die Maschinen die Mitte übernehmen? Was sage ich ihm jetzt? Die Wahrheit? Welche Wahrheit? Dass die Welt, in die er hineingeboren wurde, sich gerade neu ordnet, brutal, chaotisch, ohne Rücksicht auf seine Pläne? Dass die Stabilität, die wir für selbstverständlich hielten, nie wirklich stabil war, nur eine lange, ruhige Pause zwischen den Stürmen? Dass 80 Jahre Frieden in Europa keine Garantie waren, sondern ein Geschenk Und dass Geschenke zurückgenommen werden können?

    Soll ich ihm das sagen?

    Ich sage ihm etwas anderes.

    Nicht weil es falsch ist. Sondern weil es auch wahr ist.

    „Jede Generation hatte ihre Unmöglichkeit.“

    Meine Großmutter war zwanzig, als der Zweite Weltkrieg endete. Sie stand vor Trümmern. Buchstäblich. Sie hatte keine Wohnung, keinen Beruf, keine Perspektive. Sie hat trotzdem gelebt. Hat aufgebaut. Hat geliebt. Hat Fehler gemacht. Hat sich geirrt. Hat weitergemacht.

    Meine Mutter war jung in einer Welt, in der zwei Atommächte sich täglich bedrohten. Niemand wusste, ob der nächste Morgen kommt. Sie hat trotzdem Pläne gemacht. Nicht weil sie naiv war. Sondern weil Pläne machen das ist, was Menschen tun, um nicht zu erstarren.

    Das Leben gibt keine Garantien. Nicht damals. Nicht heute. Nicht morgen.

    Mein Sohn hört zu. Ich weiß nicht, ob es hilft.

    Man kann nicht kontrollieren, was Regierungen tun. Was Märkte machen. Was Maschinen übernehmen. Was in Meerengen passiert, die man vorher nicht mal auf der Landkarte kannte.

    Aber man kann entscheiden, was man lernt. Wer man sein will. Wem man nah ist. Was man aufbaut. Auch wenn es nur klein ist. Auch wenn es unsicher ist.

    Die Menschen, die in Krisen nicht untergehen, sind nicht die, die alles vorhergesehen haben. Es sind die, die sich nicht haben lähmen lassen.

    Ich sage ihm: „Du bist nicht allein damit. Ich weiß auch nicht alles.„Ich mache mir Sorgen. Echte Sorgen.”

    Er schaut mich an. Dieser Blick wieder. Aber diesmal etwas anders. Nicht ganz so verloren.

    Vielleicht hilft es, wenn der Erwachsene gegenüber nicht so tut, als wäre alles gut. Vielleicht ist die ehrlichste Form von Trost: Ich sehe es auch. Ich bin auch unsicher. Und ich bin trotzdem noch hier.

    Wir sitzen noch eine Weile zusammen.

    Draußen ist es still. Das Wetter wird schön, hat jemand heute Morgen gesagt. Politisch gesehen läuft alles vor die Wand. Und trotzdem scheint die Sonne.

    Ich schaue ihn an.

    Er ist zwanzig. Er hat den Mund von mir. Die Augen seines Vaters. Und ich denke: Für ihn lohnt es sich. Für ihn lohnt sich jeder Plan, jeder Versuch, jeder Morgen.

    „Was soll ich werden?“ fragt er.

    “Alles, was du sein kannst. In der Zeit, die du hast. Mit den Menschen, die du liebst.”

    Das klingt zu einfach, ich weiß. Aber manchmal ist das Einfache das Einzige, das den Moment erträglich macht.