Merz

  • Wenn die Politik den Gürtel nur für andere enger schnallt

    Wenn die Politik den Gürtel nur für andere enger schnallt

    Ich habe mich kürzlich ernsthaft mit meiner Rente beschäftigt. Das war kein spontaner Entschluss, sondern eher ein körperlicher Auslöser: Mein Rücken knackt inzwischen beim Aufstehen, selbst wenn ich noch liege.

    Also recherchierte ich. Und wie immer, wenn man recherchiert, findet man Dinge, die man lieber nicht gewusst hätte.

    Die durchschnittliche Rente beträgt 1.296 Euro im Monat.

    Das ist ungefähr der Betrag, den man braucht, um gerade so zu überleben. Vorausgesetzt, man hat keine Hobbys, keine Heizung und keine Zähne.

    Während der durchschnittliche Rentner mit 1.296 Euro versucht, das Konzept Überleben neu zu definieren, lehnt sich ein Beamter bei entspannten 2.736 Euro in den Ruhestand-Sessel zurück. Das ist mehr als das Doppelte. Das ist ein leistungsloses Upgrade in die obere Mittelschicht. Finanziert von genau den Leuten, die am Ende weniger in der Tasche haben.

    Wer in einem Bundesministerium gedient hat, darf sich sogar über durchschnittlich 3.310 Euro freuen. Nur etwa ein Prozent der normalen Rentner erreicht jemals dieses Niveau. Wir haben ein System geschaffen, in der die Umverteiler sich selbst am großzügigsten beschenken, während sie die Wertschöpfer mit immer neuen Restriktionen belegen.

    In einem Anfall von kollektiver Selbstliebe planten Innenminister Dobrindt mit ein paar Gleichgesinnten neulich ein Lohnplus, bei dem Staatssekretäre fast 20 Prozent mehr kassieren sollten. Ganz nebenbei wäre dadurch auch das Gehalt von Kanzler Friedrich Merz um fette 65.000 Euro pro Jahr nach oben geschossen.

    Als die Sache aufflog, zog man hastig die Notbremse und erklärte mit unschuldiger Miene, dass das alles ja gar nicht so gemeint war. Diese Clique wurde also beim Griff in die Keksdose erwischt und behauptet nun, man wollte nur die Krümel zählen.

    Die Verantwortung dafür wird gerade hin- und hergeschoben wie eine heiße Kartoffel zwischen dem Kanzler, dem Finanzminister und dem Innenminister. Keiner will es gewesen sein, der diese +20% abgesegnet und durchgewunken hat. Politische Verantwortung in Berlin ist wie eine Wanderpokal. Jeder hat ihn kurz, aber keiner will ihn behalten.

    In Berlin regiert das Prinzip der organisierten Verantwortungslosigkeit. Man gönnt sich die XXL-Bezüge, während man dem Rest des Landes erklärt, dass es den Gürtel enger schnallen muß.

    Wer arbeitet, zahlt ein. Wer entscheidet, verteilt. Ich habe mein Leben offensichtlich der falschen Kategorie gewidmet.

    Nun überlege ich, ob ich mich noch kurzfristig umorientieren kann. Vielleicht gibt es ja eine Art Quereinstieg ins Beamtentum im Alter, so etwas wie ein gehobener Dienst für späte Reue.

    Bis dahin über ich schon mal das Wesentliche.

    Ich sitze jetzt öfter.

    Ich entscheide langsamer.

    Und wenn mich jemand etwas fragt, sage ich: „Dafür bin ich nicht zuständig.“

    Irgendwo muss man ja mal anfangen.