Stellen wir uns eine Familie vor. Nennen wir sie Müller. Die Müllers haben ein Haus. Ein gutes Haus, ein einladendes Haus, mit einem Kühlschrank, der immer voll ist, und einer Eingangstür, die man selten abschließt, weil man das bei den Müllers so hält: Wer klopft, darf eintreten.
Eines Tages klopft jemand.
“As-salamu alaikum.“
Sie kommen, weil das Haus der Müllers warm ist und ihr eigenes nicht mehr steht, oder nie stand, oder stand, aber ihnen wurde erklärt, dass das Haus der Müllers besser sei. Die Müllers öffnen die Tür, weil sie die Müllers sind. Und weil die Nachbarn schauen, ob sie öffnen. Und weil der Pfarrer und der Bürgermeister und die Lokalzeitung seit Jahren erklären, dass ein guter Mensch die Tür öffnet.
Also öffnen sie.
Die Gäste kommen herein. Zunächst dankbar, zumindest äußerlich. Dann beginnt das Einleben. Am ersten Abend organisieren die Gäste den Kühlschrank der Müllers um. Sie entfernen zuerst die Wurstwaren. Dann den Wein. Und das Bier.
„Unrein“, sagen die Gäste.
Sie sagen es nicht entschuldigend. Sie sagen es so, wie man eine Tatsache nennt. Die Müllers nicken verständnisvoll. Andere Länder, andere Sitten, denken sie. Andere Sitten. Frau Müller denkt nichts dabei. Herr Müller denkt nichts dabei.
Am zweiten Tag stehen neue Lebensmittel im Kühlschrank. Die der Gäste. Halal, natürlich. Herr Müller betrachtet das Lammfleisch und fragt sich kurz, ob er dazu etwas sagen darf.
Er sagt nichts.
Zum Abendessen setzen sich die Frauen der Gäste nicht mit an den Tisch. Das ist ihr gutes Recht, denkt Frau Müller. Jede Frau entscheidet ja schliesslich selbst. Dann stellt sich heraus, dass Frau Müller und die Töchter sich ebenfalls ins Nebenzimmer setzen sollen. Weil der Gast das so wünscht. Weil es sich so gehört. Weil der Gast das so kennt. Frau Müller und die Töchter setzen sich ins Nebenzimmer. Sie sagen sich: Es ist nur für heute Abend.
Es ist nicht nur für heute Abend.
Das Halal-Fleisch muss auf einem sauberen Herd gekocht werden, einem Herd, der nie Schweinefleisch berührt hat. Also muss der Herd ausgetauscht werden. Und die Müllers tauschen den Herd aus.
Denn der Nachbar, der links wohnt, und sich gern progressiv nennt, hat erklärt, dass man Rücksicht nehmen muss auf religiöse Bedürfnisse.
Die Nachbarin rechts, die jeden Samstag ihre Regenbogenfahne aus dem Fenster hängt, hat erklärt, dass Vielfalt Bereicherung sei. Und der Pfarrer hat eine Predigt gehalten über das Gleichnis vom verlorenen Sohn.
Dann kommt die Sache mit dem Kopftuch.
Nicht als Frage. Als Hinweis. Die Töchter und Frau Müller sollten sich, wenn sie sich in Anwesenheit der Gäste bewegen, “angemessen” kleiden. Die Gäste wählen das Wort sehr bewusst. Es klingt vernünftig. Es klingt, als hätten die Frauen des Hauses ein Problem und die Gäste lediglich recht.
Die Töchter der Müllers tragen keine Kopftücher. Noch nicht. Aber der Druck ist da, und er ist täglich, und er kommt nicht als Befehl, sondern als Erwartung. Und Erwartungen, die lange genug im Raum stehen, beginnen sich anzufühlen wie Regeln.
Schließlich, an einem Dienstagmorgen, klopft der Älteste der Gäste an Herrn Müllers Schlafzimmertür. Es ist 5:30 Uhr. Das Gebet, erklärt er, sollte gemeinsam verrichtet werden. Es wäre respektlos, wenn Herr Müller dabei schliefe. Herr Müller steht auf. Er kniet. Er betet zu einem Gott, der nicht seiner ist, in einer Sprache, die er nicht spricht, nach Regeln, die er nicht kennt und nie wollte.
Und die Nachbarn schauen zu und finden das schön.
“Siehst du”, sagt der Nachbar von links, “so funktioniert Integration.” Draußen auf dem Bürgersteig hat die Nachbarin von rechts eine Tafel aufgestellt: REFUGEES WELCOME. Darunter, in kleinerer Schrift: Wir sind alle Menschen. Das stimmt. Nur, nicht alle Menschen wollen dasselbe in diesem Haus.
Das Haus gehört inzwischen niemandem mehr so richtig. Oder doch jemandem, aber nicht den Müllers.
Das Haus steht noch. Die Eingangstür ist offen. Der Kühlschrank, und das, was ihn füllt, gehört den Gästen. Herr Müller betet. Frau Müller sitzt im Nebenzimmer. Die Töchter fragen sich, ob das ihr Haus ist, oder nur das Haus, in dem sie aufgewachsen sind.
Das ist keine Geschichte über Gute und Böse. Das ist eine Geschichte über die Konsequenz von Naivität und über den entscheidenden Unterschied zwischen einem offenen Herzen und einem offenen Haus.
Ein offenes Herz ist eine Tugend. Ein offenes Haus ohne Hausordnung ist eine Einladung an jeden, der bereit ist, die Einladung wörtlicher zu nehmen als sie gemeint war.
Die Gäste im Haus der Müllers haben nichts getan, was ihrer eigenen Logik widerspricht. Sie haben die Möglichkeiten genutzt, die man ihnen ließ. Vollständig, konsequent, ohne Scham. Das ist keine Niedertracht. Das ist Überzeugung. Und Überzeugung ist gefährlicher als Niedertracht, weil sie sich selbst für Tugend hält.
Das eigentliche Versagen liegt früher. Beim Schweigen, wenn die Wurst aus dem Kühlschrank verschwindet. Beim Wegschauen, wenn die Frauen ins Nebenzimmer geschickt werden. Beim Weiter-Einladen, während das, was man einlädt, schon dabei ist, das Haus umzubauen. Und beim Nachbarn links und der Nachbarin rechts, die aus sicherer Entfernung Beifall klatschen für eine Großzügigkeit, die sie selbst zunächst nichts kostet.
Die Fragen, die sich stellen, sind keine rhetorischen. Es sind echte, unbequeme, dringliche Fragen, die jede Gesellschaft irgendwann für sich beantworten muss:
Was darf ein Gastgeber von einem Gast verlangen?
Ab wann ist ein Gast kein Gast mehr, sondern ein Okkupant?
Und: Wessen Haus ist das?
Wir sind die Müllers.
Die Frage ist, wie lange wir noch so tun, als wären wir es nicht.

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