Ich habe vor einigen Tagen einen satirischen Text geschrieben. Darin habe ich die Rolle eines Oberlehrers eingenommen, mit Tafel, Kreide und Zensuren, um Oberlehrer vorzuführen. Ein Tonfall der Satire ist die Ironie. Sie funktioniert seit über zweitausend Jahren nach demselben simplen Prinzip: Man sagt das Gegenteil dessen, was man meint, und verlässt sich darauf, dass das Gegenüber den Bruch bemerkt.
Die Reaktionen waren aufschlussreich. Viele namen es wörtlich. Man warf mir vor, ich sei ja selbst eine Oberlehrerin. Skandalös! .
Und so schreibe ich jetzt diesen Text, aus gegebenem Anlass, und mit dem unangenehmen Gefühl, dass er nötig ist. Denn wenn Satire erklärt werden muss, ist sie tot. Und trotzdem sitze ich hier und schreibe eine Gebrauchsanweisung, weil offenbar ein relevanter Teil derMenschen in Deutschland den Sinn für Humor verloren hat.
Ich könnte es mir einfach machen und sagen: Die Deutschen hatten nie Humor. Nur stimmt das nicht. 1929 eröffnete Werner Finck in Berlin die „Katakombe“ und verspottete die Nationalsozialisten, während die noch an der Macht bastelten. Er stand auf der Bühne und improvisierte an der Grenze des Selbstmords, und nur mit dem Konjunktiv als Fluchttür. 1935 wurde das Kabarett geschlossen, Finck landete im KZ. Das war der Preis.
Kurt Tucholsky schrieb 1919 den Satz, an dem sich seither jeder abarbeitet: „Was darf die Satire? Alles.“ Er starb 1935 im Exil, verjagt von genau denen, über die er geschrieben hatte. Die Deutschen hatten Humor. Sie haben ihn nur zwischenzeitlich zur Sicherheit eingelagert und den Schlüssel verlegt.
Nach dem Krieg war Kabarett fast ein Verfassungsorgan. Dieter Hildebrandt zerlegte im „Scheibenwischer“ jeden Kanzler, zur besten Sendezeit im Öffentlich Rechlichen, und niemand hielt das für einen Angriff auf die Demokratie, sondern für ihren Beweis. Wer sich verspotten lässt, hält sich für stabil. Wer den Spott verbietet, weiß, dass er es nicht ist. Genau hier liegt der Bruch: Nicht die Witze sind schlechter geworden, das Selbstvertrauen ist weg.
Was heute an dessen Stelle getreten ist, nennt sich Haltung. Haltung ist Humor für Leute, die nicht lachen wollen, sondern zustimmen. Sie ist praktisch, weil sie keine Pointe braucht, nur ein Bekenntnis. Sie ist beliebt, weil sie nichts kostet. Und sie ist tödlich für jede Satire, denn Satire lebt vom Bruch, von der Verschiebung, vom Publikum, das eine Sekunde lang nicht weiß, woran es ist. Wer Haltung erwartet, will genau diese Sekunde nicht. Er will sofort wissen, wo er steht, und wenn ein Text ihm das verweigert, hält er den Text für verstörend statt für gelungen.
Man kann den Verfall an Daten festmachen. Im März 2016 sendete das NDR-Magazin „Extra 3“ einen Song über Erdoğan, zur Melodie eines Nena-Liedes. Drei Minuten Spott über einen Präsidenten, der Journalisten einsperrt. Ankara bestellte daraufhin den deutschen Botschafter ein und verlangte, die Bundesregierung möge eingreifen und das Video löschen lassen. Man lasse sich diesen Vorgang einmal auf der Zunge zergehen: Ein ausländischer Staatschef ruft in Berlin an und bestellt die Entfernung eines deutschen Fernsehbeitrags, so wie man eine Pizza abbestellt. Berlin lehnte ab, immerhin, und „Extra 3“ stellte das Video kurzerhand noch einmal online, diesmal mit türkischen Untertiteln. Das war die richtige Antwort, und sie ist inzwischen die Ausnahme.
Denn nur vier Jahre später sagte der Hamburger Kunstverein einen Auftritt von Lisa Eckhart ab, nach wochenlanger Grübelei darüber, ob eine Bühnenfigur die Meinung ihrer Darstellerin sei. Man stelle sich vor, ein Schauspieler dürfte keinen Mörder mehr spielen, weil er sonst als Mörder gilt. Genau diese Verwechslung wurde 2020 in Hamburg ernsthaft diskutiert, in einem Kulturbetrieb, dessen Kerngeschäft die Darstellung ist. Es reichten ein paar hundert empörte Stimmen und ein Veranstalter mit weichen Knien.
Der Reflex ist inzwischen überparteilich, das ist das eigentlich Bemerkenswerte. Die Rechte empört sich, wenn über Deutschland gelacht wird, die Linke, wenn über ihre Schutzbefohlenen gelacht wird. Und beide halten ihre jeweilige Humorlosigkeit für Haltung. Es ist derselbe Muskel, nur unterschiedlich angespannt.
Wie es gehen müsste, führen ausgerechnet jene vor, die man am liebsten in Watte packen würde. Lee Ridley, alias The Lost Voice Guy, ist stumm und gewann mit einem Sprachcomputer „Britain’s Got Talent“. Drew Lynch stottert sich durch ausverkaufte Hallen. Beide machen Witze über exakt das, wofür andere stellvertretend beleidigt sind. Sie wollen keine Sonderbehandlung für ihre Handicaps, sie wollen die Bühne, und sie nehmen sich das Recht, über ihre eigene Lage zu lachen. Das ist Inklusion pur.
Was heute als woke Comedy verkauft wird, ist das Gegenteil davon. Die Zielscheiben werden vorab geprüft und freigegeben. Nach außen treten ja, nach innen nie. Das Ergebnis ist Comedy, die so überraschend ist wie eine Pressemitteilung, weil sie an genau denselben Grenzen endet wie der Konsens, den sie eigentlich hinterfragen sollte. Dabei ist die Kernaufgabe der Stand-up-Comedy seit jeher, zu provozieren, Autoritäten nach allen Seiten anzugreifen und im menschlichen Unbehagen zu bohren. Und nicht einen politischen Lackmustest zu bestehen.
Und dann kommt sie, die Frage, die man inzwischen überall hört: Was darf man eigentlich noch sagen? Die Frage ist bereits die Antwort. Eine Gesellschaft mit intaktem Humor stellt sie nicht, sie weiß es. Dass sie so oft gestellt wird, von Kabarettisten, wie von Handwerkern oder Sachbearbeitern, ist keine Marginalie. Wirksame Zensur muss längst nichts mehr verbieten. Sie ist bereits da. Es genügt, wenn die Pointe im Kopf des Autors stirbt, bevor sie das Papier erreicht.
Bleibt die bittere Schlusspointe: Finck riskierte für seine Witze das Konzentrationslager. Heute reicht ein Shitstorm. Das ist kein Fortschritt, das ist Kapitulation.
Ich werde weiter Satire schreiben wenn ich es für nötig halte, und ich werde sie weiter nicht erklären. Wer meinen Text dann für bare Münze nimmt, hat ein Problem mit dem Text. Wer meint, das Problem sei der Text, hat eines mit sich selbst.
Ich möchte enden mit einem Ziat von Robert White, einem brillianten autistischen Comedian:
„I have done it three times, and each time people have laughed.
So, if you don´t, your´re wrong.“

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