Es eskaliert schneller, als selbst Pessimisten befürchten: Aus zehntausend Grenzübertritten in einer Nacht wurden binnen zwei Tagen fünfzig- bis sechzigtausend, ca. 70% der Einwohnerzahl Ceutas. Rund fünfundzwanzigtausend sind laut Innenministerium wieder zurück in Marokko. Sind sie? Denn die Toten zählt man auch nicht mehr genau. 18, dann 34, dann 43, je nach Quelle.
Was in den Wohnvierteln geschah, ist mehr als Gerücht: El Español dokumentierte aufgebrochene Türen und über Leitern erklommene Wohnungen in zwei Vierteln, geschlossene Läden, vierzig Notrufe wegen Schlägereien in einer Nacht.
Sánchez ist inzwischen selbst vor Ort und spricht von Schleuserbanden, die ein Gerichtsurteil „fehlinterpretiert“ hätten. Auch wenn man kein Fan von Sánchez und seiner sozialistischen Regierung ist, so muss man unterscheiden: Das Urteil kommt von der Regierung unabhängigen Judikative, nicht von der regierenden Exekutiven. Was seiner Regierung jedoch vorzuwerfen ist: Das zugrunde liegende Gesetz stammt von 2015, unter einer konservativen Vorgängerregierung, und acht Jahre PSOE hätten gereicht, es nachzubessern.
Die Regierung schickt nun Militär an der Grenze, führt Verhandlungen mit Rabat, errichtet Bojensperren im Meer.
Der Zaun von Ceuta ist zehn Meter hoch, mit Rasierdraht, Kameras und Nachtsicht bestückt, gebaut für genau einen Zweck: Menschen draußen zu halten, die nicht rein dürfen. Genau davor, entschied das Gericht, dürfen sie zurückgewiesen werden. Wer denselben Zaun aber einfach im Wasser umschwimmt, hat plötzlich ein anderes Recht, weil das Meer juristisch kein „Sperrelement“ sei. Das ist keine Rechtsstaatlichkeit, das ist Wortklauberei: Wer klettert, wird zurückgeschickt. Wer sich nass macht, kann bleiben.
Bei zweihundert Ankömmlingen pro Minute identifiziert niemand mehr sauber, wer da eigentlich kommt. Keine Vorgeschichte, keine Qualifikation, keine Ausbildung, meistens nicht einmal Papiere. Dafür ein Aufnahmesystem, das für 500 Menschen im Monat gebaut wurde, nicht für eine Kleinstadt in zwei Tagen. Wer unter diesen Bedingungen von „Einzelfallprüfung“ spricht, meint in Wahrheit eine Prüfung, die es faktisch nicht geben kann.
Was wird da noch auf uns zukommen? Eine Ohnmacht kommt in mir auf.

Schreibe einen Kommentar