Die verleugnete Tat

Es gibt eine Anständigkeit, die man Toten schuldet, ganz gleich, welche Politik man macht. Man senkt die Stimme. Man nimmt sich für einen Moment zurück. Man steigt nicht über einen Sarg, um schneller ans Rednerpult zu kommen. Genau das aber tun Linke, SPD und Grüne. Sie benutzen eine tote Frau als Stichwort für ihre immergleichen Reden.

Eine Frau ist tot. Viele sind verletzt. Ein Mann fuhr einen Transporter in die Menge am Rande des Christopher Street Days. Der Täter: Islamistische Szene, Gefährder, IS-Kontakte, verurteilt. Es gibt nichts zu deuten. Es gibt nur zu trauern.

Das Trio Infernale trauert nicht. Es bringt floskelhafte Beileidsbekundungen, es wird viel geredet ohne etwas zu sagen, ohne klare Kante zu zeigen.

Beispielsweise schreibt die Linke, man verteidige queeres Leben “gegen die hasserfüllten Angriffe rechter Kräfte“ und wehre sich dagegen, dass “diese Tat für rassistische, antimuslimische oder sonstige reaktionäre Hetze instrumentalisiert“ werde.

Kein Wort über den Täter. Kein respektvolles Innehalten vor der Toten und den Verletzten. Ein Mensch ist ermordet worden, und die erste Sorge gilt der Frage, wer daraus die falschen Schlüsse über den Täter ziehen könnte. Das Opfer ist nur der Anlass. Das Anliegen ist man selbst.

Der Grund ist so einfach wie kalt: Die Tote passt nicht. Eine Frau, am Rande des CSD von einem Islamisten getötet, ist in diesem Weltbild ein Widerspruch, den es nicht geben darf. Der Täter kommt aus einer Gruppe, die in ihren Augen als schutzbedürftig gilt. Das Opfer aus einer, die als schutzbedürftig gilt. Zwei Schutzbedürftige, und der eine tötet den anderen: Das lässt die woken Synapsen durchknallen und mit ihnen ihre ganze krude Ordnung implodieren.

Es sind dieselben Leute, die in einem falschen Pronomen Gewalt erkennen. Jedoch wechseln sie schnell das Thema bei einer echten Leiche.

Und sie zeigen reflexartig nach rechts. Immer nach rechts. Bloß nicht den eigenen Teppich anheben, man weiß ja, was sich über die Jahre darunter angesammelt hat. Der Zusammenhang, den die Linke herstellt, geht so: In Sachsen-Anhalt wird demnächst gewählt, die AfD führt dort mit Abstand. Also muss die Tat irgendwie damit zu tun haben.

Das ergibt von vorn bis hinten keinen Sinn, und das ist der Punkt. Ein islamistischer Anschlag, der ausgerechnet jetzt den Warnern vor der verfehlten Migrationspolitik Recht gibt, ist das Letzte, was Linke und Rot-Grün vor dieser Wahl gebrauchen können. Also wird die Tat so lange gedreht, gebogen und umgedeutet, bis sie wieder in die einzige Richtung zeigt, die das Weltbild kennt: nach rechts.

Man muss verstehen, was das ist. Es ist Panik. Die schräge Konstruktion – der Rechte als Schuldiger, der Warner als Täter, der Mörder und das Opfer als Randnotiz – ist der verzweifelte Versuch, das eigene Weltbild aufrechtzuerhalten, das auf morschen Pfeilern steht und schlackert wie der Kopf eines Wackeldackels. Die Wirklichkeit hält sich nicht mehr an an ihre Ideologie. Also biegt man die Wirklichkeit.

Der Christopher Street Day war mal ein mutiger Aufstand. Menschen, die es satt hatten, dass andere über ihr Leben, ihre Liebe, ihre Würde verfügen. Er war laut, weil Schweigen sie umgebracht hätte. Er war ein Ja zur Freiheit des Einzelnen gegen jeden, der ihm vorschreiben wollte, wie er zu sein hat.

Vor diesem Hintergrund wurde an diesem Wochenende ein Mensch getötet, von einem Islamisten, für den Homosexualität eine Todsünde ist, und in seiner Weltanschauung den Tod verdient hat. Und die Partei, die sich queeres Leben am lautesten auf die Fahne heftet, findet für den Mörder kein hartes Wort und für seine Kritiker so viele. Sie schont den Täter, weil er die richtige Herkunft hat und vergisst das Opfer, weil es die falsche Geschichte erzählt.

Die Tote und die Verletzten hätten es verdient, dass man einen Moment lang einfach nur trauert. Man kann das nennen, wie man will.

Nur nicht Anstand.

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